23.10.20

Offenbach, frühe Morgenstunden. Alter Mann, schmächtig, verhuscht, die Kleidung ein wenig derangiert, sucht in den Abfalleimern rum. Schon fast an ihm vorbei, drehe ich mich um und drücke ihm einen Fünfer in die Hand. Irgendwas von Danke stammelnd pisselt er sich sichtbar ein.

Keine Pointe.

Wieso wird in fast allen Medien leerhülsenwortreich darüber berichtet, dass das Gespräch der Präsidentschaftskandidaten USA einigermaßen gesittet verlief? Sollte das nicht als Standard gelten, dessen es keiner weiteren Worte bedarf? Oder bekommen die beiden alten Herren jetzt Glitzersternchen wie im Kindergarten dafür?

16.10.20

„2020 ist das Outing, dass man selbst schon einmal Therapie in Anspruch genommen hat, für viele Menschen immer noch ein Tabuthema bzw. sie verschweigen das lieber, aus Angst vor den Reaktionen ihres beruflichen und sozialen Umfeldes. Bisher dachte ich, dass sei mittlerweile doch übertrieben, aber heute las ich, dass Lehrer nicht verbeamtet werden können, wenn sie schon einmal in Therapie waren.“

„Das betrifft in vielen gesellschaftlichen Kreisen nicht nur KlientInnen. Frag mich mal. Die Schwiegereltern meiner Tochter halten mich für moralisch absolut desaströs, weil ich u.a. auch als Sexualtherapeutin arbeite und vermeiden jeden Kontakt mit mir. Könnte ja irgendwas ansteckend sein.“  *andenkoppklatsch
 
 
Ernsthaft: Ich dachte wirklich bei der Verbeamtung ging es um sowas wie pädagogische Kompetenz, fachliche Qualifikation und auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Für Interessierte -> Verbeamtung

„Ich will aber dies! Ich will aber das!“ *heulkreischDramaschiebend

„Nein.“
 
Und dann setzt man sich still in die Nähe des tobenden Wesens, signalisiert, dass man da ist; wedelt ab und an einladend mit dem MNS und klammert sich dabei an die Hoffnung, dass es so einem Erwachsenen, ebenso wie fast jedem Kleinkind, irgendwann gelingen wird seine Affektsteuerung in den Griff zu bekommen.

14.10.20

Heute Märchenbuch (Grimm) mit KleinMadame und dem Kleinen Lord gelesen. Wobei „lesen“ wohl übertrieben ist. Ich war begeistert davon, wie sie nach den ersten Sätzen einfach jeweils die ganze Story perfekt erzählen konnte. Ich wusste gar nicht, dass sie sie alle so genau kennt. Das Vorlesen konnte ich mir sparen.

Amüsant war, dass sie bei „Aschenputtel“ an genau der gleichen Stelle hängen bleibt, wie ich als Kind: Warum braucht der Prinz einen Schuh um sie zu finden? Der hat drei Nächte mit ihr getanzt und erkennt sie nicht wieder? Wo hat der hingeguckt die ganze Zeit? Oder war der blind? Schlaues Kind, eindeutig. 

8.10.20

Blitzlicht beim ersten Kaffee: Was so in meinem Leben eher an mir vorbei gerauscht ist und Bereiche, die mich nie wirklich interessiert haben ->

Alles rund um Autos. Hatte nie einen Führerschein.
 
Modegedöns. Ich kaufe meine Kleidung seit über vierzig Jahre auf dem Frankfurter Flohmarkt. Eine Mark, später ein Euro.
 
Inneneinrichtung. Sperrmüll. Überlassenes.
 
Gastronomie. Jazzkeller. Sinkkasten. Italiener um die Ecke. Dönerbuden.
 
Hotels und Touristik. Trampen, Bahnkarte, Campingplatz, Schlafsack am Strand, klitzekleine Pensionen.
 
Ernährung. Aufgrund von multiplen Allergien und Unverträglichkeiten eher gestörtes Verhältnis zur Nahrungsaufnahme. Erfahrungswerte zählen.
 
Alles rund um Geldanlagen: Keine sonstigen Versicherungen. Keine Aktien. Keine Anlagen. Kein Sparbuch. Ein Konto und eine Pfennig/Centdose.
 
Parteien. Zweimal kurz rein geschnuppert und panisch verlassen.
 
Es gibt bestimmt noch mehr Bereiche, die mich so im Großen und Ganzen nicht wirklich tangiert haben. Und natürlich gab es berufsmäßig auch Ausnahmen bezüglich Unterkunft, Reisen und Gastronomie. Das waren dann Wunderwelten, die ich mit kindlichem Staunen durchschritt.
 
Was es allerdings immer gab: Bücher, Bücher, Bücher. Zeitungen und Musik. Später und nun noch alles, was mit PC und dem Drumherum möglich ist.
 
Ein Grundmotiv: Könntest du jetzt und gleich eine Tasche packen und gehen, ohne dass dein Herz an irgendwas Zurückgelassenem hängen würde? Die Antwort lautete immer und noch: Ja. Denn mich nehme ich ja mit. 😊

7.10.20

Nach zwei Tagen Ärztemarathon in Frankfurt: Mit absoluter Selbstverständlichkeit tragen die Leute ihre Masken. Insgesamt habe ich nur wenige Menschen ohne gesehen und diese wiesen für mich eindeutige Anzeichen schwerer psychischer Störungen auf. Das meine ich nicht abwertend, ist nur mein Eindruck.
 
Interessant fand ich, dass es rund um den Römerberg tatsächlich Touristengruppen gab, die ganz begeistert schienen.
 
Erschreckend fand ich, dass so viele der kleinen, auch alteingesessenen Geschäfte und Lokale geschlossen hatten.
 
Wartezeiten in den Praxen und Kliniken maximal 10 Minuten. Völlig verstörend. 😉
 
„Marathon“ oben ist übrigens bewusst gewählt. Da die Straßenbahnen nicht fuhren, alles zu Fuß. Mein Schrittzähler war kurz vorm kollabieren.