Heute beim Orthopäden gewesen und mir ne Schelle abgeholt: "Frau Müller, Sie brauchen mehr Geduld, Geduld, Geduld. Das ist kein Spaziergang, sondern ein komplizierter Bruch gewesen und da lässt sich nix beschleunigen oder Sie riskieren eine erneute OP! Also, die Regel ist: max. 1 Stunde am Schreibtisch mit Bein hoch legen, dann immer min. zwei Stunden liegen und danach 10 Minuten leichte Aufbauübungen. Krücken bleiben noch mindestens sechs Wochen. Beide!" ... ... ... Er ist ein netter Mensch. Wirklich. Und ja, ich halte ihn für kompetent. ... ... ... Ich könnt kotzen! ... ... ... Gibt es irgendwo Geduld im Sonderangebot? *grummel
Man muss keiner politischen Richtung angehören und nicht mal politisch irgendwie aktiv oder gar interessiert sein, allein das normale soziale Empfinden eines Durchschnittsmenschen reicht aus um bei dieser Show (G7) festzustellen: Diese Inszenierung in dieser Form, an diesem Ort, zu dieser Zeit und in dieser Zusammensetzung ist anmaßend, arrogant, überheblich, machtgeil, herablassend, ignorant, verwerflich, unangemessen, widerlich, protzend, eklig.


Der Blick

In den fünfziger Jahren gab es immer diese Sirenen Übungen. Der starre panische Blick mancher meiner Erwachsenen und deren zitternden Hände währenddessen haben mich als Kind sehr erschreckt. Als junge Erwachsene sah ich den gleichen Blick in den Augen der chilenischen Flüchtlinge, wenn es an der Tür klopfte.  Und ich sah ihn später in den Augen von Folteropfern immer dann, wenn eine Stimme einen bestimmten Tonfall hatte. Ich sah ihn in den Augen kleiner Flüchtlingskinder zu Silvester und in den Augen alter Frauen, wenn man zu schnell auf sie zuging. Ich sah ihn bei den Frauen in den Sprechstunden, wenn Berührungen zufällig stattfanden. Und immer öfters sehe ich ihn heute, wenn ich unterwegs bin, in den Bahnen und auf den Ämtern. Ich werde diesen Blick nicht los. Er verfolgt mich, hat sich eingefressen in meine Seele. 
Es waren immer die Frauen, die mein Leben tiefgehend beeinflussten: Die zunächst nicht anwesende Mutter, die dominante Oma, die verhuschten Tanten, die eklige Pflegemutter, die Freundinnen, die Weiber an der Uni, die Frauen mit Geschichten, die Altvorderen, die Geliebten, die Gehassten, die Wegbegleiterinnen. Männer kamen vor, natürlich. Doch sie alle mussten sich messen an dem Großvater und dem geträumten Vaterbild. Bestanden hat da kaum einer. Es bleibt eine Handvoll wertvoll. Doch die Frauen sind verwoben in mir.  

„Viele Eltern glauben, sie koennten ihre Kinder zu Verschwiegenheit, Takt, Ehrlichkeit und Vertrauen erziehen, waehrend sie sich zanken, die Kinder anluegen, ihre Briefe durchschnueffeln und ueber ihre innersten Angelegenheiten zu anderen reden.“ (Oswald Bumke)


Kinder lernen fast ausschließlich durch Vorbild. So einfach ist das mit der „Erziehung“. Erziehe dich selbst, jeden Tag aufs Neue, dann klappt das auch mit den Kindern.  

(Auszug)

Das Warten, immer dieses Warten. Es war das Schlimmste. Meistens wusste sie dann schon gar nicht mehr, wofür die Schläge eigentlich gedacht waren. Das Warten. Schlimmer als jeder körperliche Schmerz. Das Warten. Eingebrannt in ihre Seele. Ticktack, ticktack. Mit jeder Minute zerfloss das Warum. Es blieb nur das Warten. Diese anschäumende Verzweiflung. Diese Gewissheit, dass die Schläge kommen werden. Irgendwann. Warten. Ausgeliefert. Andere Tätigkeiten erschienen wichtiger als ihre Bestrafung. Wichtiger als ihr Vergehen. Wichtiger als sie. Warten. Immer kleiner wurde sie. Sie war so unbedeutend. So nichtig. Warten. Fast dankbar ergab sie sich in den Schmerz des Stockes. Er setzte einen Schlusspunkt. Das Warten verblasste.

Nach vielen, vielen Jahren erst bemerkte sie die Untermieterin. Eine alte Bekannte war wohl nie bei ihr ausgezogen. Die Warterei trinkt heut noch ab und an Käffchen mit ihr. Sie kommt immer zu früh. Und die anderen zu spät. Sie wartet. Ob man sie vergessen hat? Ob sie es missverstanden hat? Tauchend nach ihrer Schuld bleiben ihre Hände immer noch leer. Sie wartet. Schmerzhaft. Sucht in sich nach ihrem erwachsenen Zorn. Manchmal plätschert er blinzelnd nach oben. Verläuft sich aber in fröhliche Dankbarkeit, wenn das Warten ein Ende hat.


(im Alter von 0 bis 7 Jahre, denn danach gab es die Schlägerin nicht mehr)


Lebenszeichen
Kurzfassung: Ich lebe noch. Irgendwie. Krankenhaus war eine traumatische Erfahrung. Sonntags der Sturz, freitags sollte die OP sein. Schmerzhafte Zwischentage. Am Freitag dann: Kein Bett frei, von 6.15h bis 13h im Warteraum gesessen, nüchtern seit dem Abend vorher. Dann für eine Stunde ein Bett, um dann mitgeteilt zu bekommen, dass ich wieder nach Hause kann, da kein OP-Raum frei sei. Montags dann OP. Narkose Nachwirkungen elendig. Mittwochvormittag Entlassung, weil Bett gebraucht wurde, obwohl ich mehrmals sagte, dass ich noch nicht gehen will, da starke Schmerzen und noch etwas überfordert. Interessierte nicht weiter. Entlassung. Zum Glück steckte mir die Schwester heimlich Schmerztabletten zu. Auf der Station gab es übrigens nur drei Toiletten, für Patienten und Besucher. Auf dem Flur. Ich war mit all dem völlig überfordert und wie paralysiert. Konnte mich nicht bestimmend artikulieren. Seitdem zuhause mit der Auflage für die kommenden 8 Wochen das Bein nicht zu belasten. Humpelnd hüpfende  Wanderungen zwischen Schreibtisch und Bett. Montag jetzt Fäden gezogen beim Hausarzt. Die Angst vor der Treppe zumindest mal angegangen. Ab nächster Woche Physiotherapie.

Wie es mir nun geht? Kann ich nicht beschreiben. Ich drücke weg und beame mich über Bücher lesen raus aus dem realen Geschehen. Manchmal weine ich, ohne recht zu wissen, über was eigentlich gerade. Ayda und Peter helfen mir in Alltagssachen, meine Nachbarin kommt regelmäßig zu Besuch. Aber, irgendwie ist das alles in meiner Wahrnehmung wie in Watte gepackt. Ja, gute Metapher: Ich fühle mich wie in einem Kokon, innen wie außen. Lebend, ja, aber nicht lebendig. Widerlich.