„Dann siehst du Menschen, mit denen du noch vor ein paar Minuten gesprochen hattest, durch die Luft fliegen. Nichtidentifizierbare Körperteile landen vor deinen Füßen, auf deinen Schultern, auf deinem Kopf. Alles geht so schnell. Da ist ein Schreien, Wimmern, Dröhnen. Die Luft stinkt nach Blut und Tod. Das ist so ein ganz bestimmter Geruch. Er setzt dich in deiner Nase fest. Noch Monate später riechst du ihn. Darauf konnten dich nichts und niemand vorbereiten. Die Bilder, die Geräusche, die Gerüche bekommst du einfach nicht mehr aus deinem Kopf. Da ist so ein inneres Zittern in dir. Immer. Ab diesem Moment.“

„Ja, ich verstehe. Ein wenig. Vielleicht. Darum bist du geflohen.“


„Ähm, nein. Ich bin Bundeswehrsoldat. Afghanistan. Ich kann nicht fliehen. Auch nicht vor diesen Bildern in mir.“  
„Ich finde es total prima, wie du dich in die neue Willkommenskultur einbringst! So mit Plakate malen und Händeschütteln und lachenden Selfies vor dem vollgepackten Auto mit Spenden. Echt Klasse!“

„Frau Müller, so ganz überzeugt freudig begeistert gelöst klingt das irgendwie nicht. Höre ich da im Hintergrund ein zweifelnd misstrauisch leises Grummeln?“

„Das ist nicht leise, das plätschert schon. Bis jetzt ist die Komfortzone des deutschen Bürgers doch noch nicht mal an leicht angestochen worden. Warten wir ab, bis Solidarität wirklich gefordert ist. Wenn es wirklich ums Teilen geht. Wenn es darum geht aus Mitmenschlichkeit, Solidarität und Veränderungswillen das eigene System von Macht und Gier und Bequemlichkeit in Frage zu stellen. Tut mir leid, meine Euphorie hält sich bis jetzt in Grenzen. Es wäre schön, wenn ich mich irren würde.“
„Fünfunddreißig Jahre in der gleichen Firma geschuftet, nebenbei drei Kinder groß gezogen, die Mutter gepflegt bis zum Tod. Der Mann hat sich vor Jahren zwecks Selbstverwirklichung verabschiedet. Die Kinder sind schon lange erwachsen, führen ihr eigenes Leben in anderen Städten und die Firma zieht um in ein Billiglohnland. Perspektiven? Schwierig. Der Körper streikt, die Seele fährt Stillstand. Jetzt sitzt sie schon seit sechs Wochen in der REHA Klinik und weiß nicht aus noch ein. So richtig zugehört hat ihr bis jetzt noch keiner hier. Wenn sie weint, so aus heiterem Himmel heraus, dann bietet man ihr Tabletten an, die sie nicht will, weil die, so sagt sie, ihren Kopf danach zum Dröhnen brächten und ihr die Hände einschliefen.“ …

Nur eine unter den vielen Geschichten, die ich mir an diesem total verregneten Wochenende hier in den stillen Ecken der Klinik angehört habe. Ich kann gar nicht so viel umarmen und festhalten, wie ich eigentlich müsste. Es macht mich traurig. ... ... ... Die Lebensgeschichten der Menschen hier erinnern mich an die Geschichten der Arbeiterliteratur aus den frühen zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. So grundlegend verändert hat sich da irgendwie nichts...


Frei nach José Ortega y Gasset/Arno Gruen: 

„Wir sind alle Schiffbrüchige im Strom des Lebens. 
Aber schiffbrüchig zu sein heißt noch lange nicht zu ertrinken.“
Meine Texte dazu und viele Links zu Hintergrundinformationen findet Ihr seit August 2015 auf meinem Blog:

http://menschenfreundlich.blogspot.de/
„Es gibt nur einen Grund etwas zu verändern: Du hältst es einfach nicht mehr aus.“ Aber ach, manche haben es sich so bequem im eigenen Leiden eingerichtet. Es riecht und schmeckt so heimelig heimisch dort. Dann kann man die Hand, die einem gereicht wird, gar nicht mehr wahrnehmen, denn sie versinkt in den schwammigen Mauern rund um die eigen vermeintliche Komfortzone. Es macht mich für einen Moment traurig, doch Energie, die Mauern aktiv einzureißen, verschwende ich nicht mehr. Ich sende, vielleicht, ab und an Rauchzeichen mit dem Tenor: Ich bin da, wenn du es willst. Mehr nicht.
Es ist einfach nur geil Oma zu sein. KleinMadame kommt etwas früh, aber ihrer individuellen Entwicklung gut angepasst, in die erste Autonomiephase. Ein "Nein" kickt die linke Gehinhälfte von jetzt auf gleich in den Sparmodus und Empörung breitet sich wie eine Flut aus. Drama hoch zehn. Zum Beispiel beim Einkaufen. Kreischen in höchsten Tönen, Tränen und dann die bösen Blicke von Miteinkäuferinnen. Mutter kommt langsam in Hektik. Oh, ich erinnere mich. Ich kenne das. Aber Oma, die Oma kann ganz in ihre Ruhe gehen und mit Gelassenheit der KleinMadame verrückte Dinge zuflüstern: "Oh ja, ich kenne das, wenn auf einmal dieses blöde "Nein" auftaucht und sich dir in den Weg stellt. Diese doofe Welt hat bisher doch immer gemacht, was du wolltest und jetzt auf einmal gibt es da und da und dort das "Nein". Da kann man richtig wütend werden. Und dann muss man schreien, damit die Wut kleiner wird. Und du schreist so schön. Hör mal, die Oma kann überhaupt nicht so toll schreien wie du..." Kicksender Schreiversuch meinerseits. Jetzt gucken mich die Leute an, als sei ich deppert. Aber, ich bin alt, ich darf das. Und Kind ist total erstaunt und Schwupps haben wir ein neues Thema: Wer schreit schöner... laut ... lauter ... leiser ... noch viel leiser. ... Alles wieder gut dann.