Es waren immer die Frauen, die mein Leben tiefgehend beeinflussten: Die
zunächst nicht anwesende Mutter, die dominante Oma, die verhuschten Tanten, die
eklige Pflegemutter, die Freundinnen, die Weiber an der Uni, die Frauen mit
Geschichten, die Altvorderen, die Geliebten, die Gehassten, die
Wegbegleiterinnen. Männer kamen vor, natürlich. Doch sie alle mussten sich
messen an dem Großvater und dem geträumten Vaterbild. Bestanden hat da kaum
einer. Es bleibt eine Handvoll wertvoll. Doch die Frauen sind verwoben in mir.
Es waren immer die Frauen, die mein Leben tiefgehend beeinflussten: Die
zunächst nicht anwesende Mutter, die dominante Oma, die verhuschten Tanten, die
eklige Pflegemutter, die Freundinnen, die Weiber an der Uni, die Frauen mit
Geschichten, die Altvorderen, die Geliebten, die Gehassten, die
Wegbegleiterinnen. Männer kamen vor, natürlich. Doch sie alle mussten sich
messen an dem Großvater und dem geträumten Vaterbild. Bestanden hat da kaum
einer. Es bleibt eine Handvoll wertvoll. Doch die Frauen sind verwoben in mir.
„Viele Eltern
glauben, sie koennten ihre Kinder zu Verschwiegenheit, Takt, Ehrlichkeit und
Vertrauen erziehen, waehrend sie sich zanken, die Kinder anluegen, ihre Briefe
durchschnueffeln und ueber ihre innersten Angelegenheiten zu anderen reden.“ (Oswald
Bumke)
Kinder lernen fast ausschließlich durch Vorbild. So
einfach ist das mit der „Erziehung“. Erziehe dich selbst, jeden Tag aufs Neue,
dann klappt das auch mit den Kindern.
(Auszug)
Das Warten, immer dieses Warten. Es war das Schlimmste.
Meistens wusste sie dann schon gar nicht mehr, wofür die Schläge eigentlich
gedacht waren. Das Warten. Schlimmer als jeder körperliche Schmerz. Das Warten.
Eingebrannt in ihre Seele. Ticktack, ticktack. Mit jeder Minute zerfloss das Warum.
Es blieb nur das Warten. Diese anschäumende Verzweiflung. Diese Gewissheit,
dass die Schläge kommen werden. Irgendwann. Warten. Ausgeliefert. Andere
Tätigkeiten erschienen wichtiger als ihre Bestrafung. Wichtiger als ihr Vergehen.
Wichtiger als sie. Warten. Immer kleiner wurde sie. Sie war so unbedeutend. So
nichtig. Warten. Fast dankbar ergab sie sich in den Schmerz des Stockes. Er
setzte einen Schlusspunkt. Das Warten verblasste.
Nach vielen, vielen Jahren erst bemerkte sie die
Untermieterin. Eine alte Bekannte war wohl nie bei ihr ausgezogen. Die Warterei
trinkt heut noch ab und an Käffchen mit ihr. Sie kommt immer zu früh. Und die
anderen zu spät. Sie wartet. Ob man sie vergessen hat? Ob sie es missverstanden
hat? Tauchend nach ihrer Schuld bleiben ihre Hände immer noch leer. Sie wartet.
Schmerzhaft. Sucht in sich nach ihrem erwachsenen Zorn. Manchmal plätschert er blinzelnd
nach oben. Verläuft sich aber in fröhliche Dankbarkeit, wenn das Warten ein
Ende hat.
(im Alter von 0 bis 7
Jahre, denn danach gab es die Schlägerin nicht mehr)
Lebenszeichen
Kurzfassung: Ich lebe noch. Irgendwie. Krankenhaus war eine
traumatische Erfahrung. Sonntags der Sturz, freitags sollte die OP sein. Schmerzhafte
Zwischentage. Am Freitag dann: Kein Bett frei, von 6.15h bis 13h im Warteraum
gesessen, nüchtern seit dem Abend vorher. Dann für eine Stunde ein Bett, um
dann mitgeteilt zu bekommen, dass ich wieder nach Hause kann, da kein OP-Raum
frei sei. Montags dann OP. Narkose Nachwirkungen elendig. Mittwochvormittag
Entlassung, weil Bett gebraucht wurde, obwohl ich mehrmals sagte, dass ich noch
nicht gehen will, da starke Schmerzen und noch etwas überfordert. Interessierte
nicht weiter. Entlassung. Zum Glück steckte mir die Schwester heimlich
Schmerztabletten zu. Auf der Station gab es übrigens nur drei Toiletten, für
Patienten und Besucher. Auf dem Flur. Ich war mit all dem völlig überfordert
und wie paralysiert. Konnte mich nicht bestimmend artikulieren. Seitdem zuhause
mit der Auflage für die kommenden 8 Wochen das Bein nicht zu belasten. Humpelnd
hüpfende Wanderungen zwischen
Schreibtisch und Bett. Montag jetzt Fäden gezogen beim Hausarzt. Die Angst vor
der Treppe zumindest mal angegangen. Ab nächster Woche Physiotherapie.
Wie es mir nun geht? Kann ich nicht beschreiben. Ich drücke
weg und beame mich über Bücher lesen raus aus dem realen Geschehen. Manchmal
weine ich, ohne recht zu wissen, über was eigentlich gerade. Ayda und Peter
helfen mir in Alltagssachen, meine Nachbarin kommt regelmäßig zu Besuch. Aber,
irgendwie ist das alles in meiner Wahrnehmung wie in Watte gepackt. Ja, gute
Metapher: Ich fühle mich wie in einem Kokon, innen wie außen. Lebend, ja, aber
nicht lebendig. Widerlich.
VatertagsGedanken: Als ich so um die neunzehn war, änderte
sich die Volljährigkeit auf 18 Jahre und das Jugendamt teilte mir höchst unsensibel
beiläufig mit, dass mein Vater in der DDR lebe und seit meiner Geburt regelmäßig
Unterhalt ans Amt überwiesen habe. Von Seiten meiner Familie hatte ich bis dato
nur schwammige Auskünfte alá „Den gibt es nicht, und überhaupt, lass die
Fragerei.“ Der nicht vorhandene Vater war von klein auf für mich die
Projektionsfläche all meiner kindlich verquerten Sehnsüchte und sporadischen Errettungsphantasien
gewesen. Jetzt gab es ihn auf einmal wirklich. Als Reaktion auf diese neuen
Informationen habe ich meine Mutter und meinen Großvater erstmal schreiend rund
gemacht und bin nach Italien abgehauen. Von dort aus habe ich die aktuelle
Adresse meines Vaters herausgefunden und ihm geschrieben. Was ein Akt. Und bin
dann zu ihm gefahren. Viele Gespräche mit ihm, meinen Großeltern dort, seiner
Frau, meinen sechs Halbgeschwistern. Alles liebe, freundliche Menschen. Das
Angebot dort zu bleiben nach reiflicher Überlegung mit folgendem Resümee abgelehnt:
Zeugung alleine macht noch keinen Vater und Blutsbande keine Familie und
Tochtergefühle kamen bei mir nicht mehr auf.
Heute: Der nicht anwesende Vater war prägend, ob ich will
oder nicht. Kein anderer Mann im begleitenden Familienverbund und auch nicht
der Erzeuger konnten dieses schwarze Loch jemals füllen.
So ganz richtig kann ich mir, die ich Mitte der fünfziger
Jahre hier geboren wurde und aufgewachsen und alt geworden bin ohne jemals in
meiner Heimat von Krieg, Gewalt, Hunger und totaler Hoffnungslosigkeit bedroht
worden zu sein, gar nicht ein Szenario vorstellen, ich mein, so richtig
vorstellen, dass mich um des Überlebens willen dazu zwänge mich mit meinen
Kindern auf eine Reise zu begeben, deren Ausgang vielleicht auch der Tod sein
könnte. Welch unsäglicher Schrecken und Wahnsinn müsste um mich drum herum
herrschen, dass ich denken könnte, die klitzekleine Chance des Überlebens auf
der Flucht sei doch noch größer, als die Möglichkeit in meiner Heimat zu
überleben. Welch abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit müsste in mir toben. Allein
die Vorstellung macht mir ein innerliches Zittern. Und doch, ja, ich würde nach
jedem Strohhalm greifen. Für meine Kinder. Ja, das würde ich.
Man muss mutig sein, wenn man der/die sein will,
der/die man ist.
"Das ist eigentlich das Schrecklichste, was ich später
aus diesem Leben mitnehmen werde: Dass es dafür immer noch und schon wieder Mut!
braucht."
"Frau Müller, da Sie ja nicht vorhaben uns in den
nächsten Tagen zu verlassen, könnten Sie doch etwas hoffnungsvoller
klingen!"
"Ja, könnte ich. Doch wenn ich mich so umschaue und
mich an das letzte halbe Jahrhundert erinnere, dann, ja dann schwebt mein
Optimismus zumindest nicht mehr so leicht wie ein Blumenflöckchen vor mir her.
Und es betrifft ja mittlerweile wieder fast alle Lebensbereiche: Du bist
anders! Du bist nicht wie wir! Du bist nicht so, wie wir dich haben und
gebrauchen wollen! Du bist dies und das und jenes nicht und vor und in allem
eben nicht richtig. Das greift doch weltweit wieder um sich wie ein viraler
Infekt. Und alle Schubladen verwischen sich an diesem Punkte und bilden eine gemeinsame
Lade, egal ob links, rechts, oben, unten. In diesem Punkte sind sie sich einig:
Du, genau du, passt nicht rein in unsere hübsch kuschelige Kommode."
„Aber, aber, Frau Müller, es gibt doch auch andere Strömungen
und viele, viele Menschen weltweit, die die Schubladereien hinter sich gelassen
haben!“
„Ja, die gibt es. Aber, sie wandern auf dünnem Eis und
sind bisher nicht in der Tiefe der Gesellschaften verwurzelt. Das sind so zarte
Pflänzchen. So zerbrechlich und fragil. Halten sie die kommenden Stürme von Gewalt
und giergeifernder Zerstörungswut denn stand?“
„Ach, das klingt mir viel zu negativ, Frau Müller.“
„Soll es aber eigentlich nicht. Nur realistischer als
noch vor Jahren. Und die Schlussfolgerung ist ja auch nicht aufzugeben, sondern
gemeinsam noch intensiver mit Herzblut zu düngen und zu gießen, auf dass aus
den kleinen Pflänzchen starke und wehrhafte Pflanzen werden.“
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