„Ich finde es total prima, wie du dich in die neue Willkommenskultur einbringst! So mit Plakate malen und Händeschütteln und lachenden Selfies vor dem vollgepackten Auto mit Spenden. Echt Klasse!“

„Frau Müller, so ganz überzeugt freudig begeistert gelöst klingt das irgendwie nicht. Höre ich da im Hintergrund ein zweifelnd misstrauisch leises Grummeln?“

„Das ist nicht leise, das plätschert schon. Bis jetzt ist die Komfortzone des deutschen Bürgers doch noch nicht mal an leicht angestochen worden. Warten wir ab, bis Solidarität wirklich gefordert ist. Wenn es wirklich ums Teilen geht. Wenn es darum geht aus Mitmenschlichkeit, Solidarität und Veränderungswillen das eigene System von Macht und Gier und Bequemlichkeit in Frage zu stellen. Tut mir leid, meine Euphorie hält sich bis jetzt in Grenzen. Es wäre schön, wenn ich mich irren würde.“
„Fünfunddreißig Jahre in der gleichen Firma geschuftet, nebenbei drei Kinder groß gezogen, die Mutter gepflegt bis zum Tod. Der Mann hat sich vor Jahren zwecks Selbstverwirklichung verabschiedet. Die Kinder sind schon lange erwachsen, führen ihr eigenes Leben in anderen Städten und die Firma zieht um in ein Billiglohnland. Perspektiven? Schwierig. Der Körper streikt, die Seele fährt Stillstand. Jetzt sitzt sie schon seit sechs Wochen in der REHA Klinik und weiß nicht aus noch ein. So richtig zugehört hat ihr bis jetzt noch keiner hier. Wenn sie weint, so aus heiterem Himmel heraus, dann bietet man ihr Tabletten an, die sie nicht will, weil die, so sagt sie, ihren Kopf danach zum Dröhnen brächten und ihr die Hände einschliefen.“ …

Nur eine unter den vielen Geschichten, die ich mir an diesem total verregneten Wochenende hier in den stillen Ecken der Klinik angehört habe. Ich kann gar nicht so viel umarmen und festhalten, wie ich eigentlich müsste. Es macht mich traurig. ... ... ... Die Lebensgeschichten der Menschen hier erinnern mich an die Geschichten der Arbeiterliteratur aus den frühen zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. So grundlegend verändert hat sich da irgendwie nichts...


Frei nach José Ortega y Gasset/Arno Gruen: 

„Wir sind alle Schiffbrüchige im Strom des Lebens. 
Aber schiffbrüchig zu sein heißt noch lange nicht zu ertrinken.“
Meine Texte dazu und viele Links zu Hintergrundinformationen findet Ihr seit August 2015 auf meinem Blog:

http://menschenfreundlich.blogspot.de/
„Es gibt nur einen Grund etwas zu verändern: Du hältst es einfach nicht mehr aus.“ Aber ach, manche haben es sich so bequem im eigenen Leiden eingerichtet. Es riecht und schmeckt so heimelig heimisch dort. Dann kann man die Hand, die einem gereicht wird, gar nicht mehr wahrnehmen, denn sie versinkt in den schwammigen Mauern rund um die eigen vermeintliche Komfortzone. Es macht mich für einen Moment traurig, doch Energie, die Mauern aktiv einzureißen, verschwende ich nicht mehr. Ich sende, vielleicht, ab und an Rauchzeichen mit dem Tenor: Ich bin da, wenn du es willst. Mehr nicht.
Es ist einfach nur geil Oma zu sein. KleinMadame kommt etwas früh, aber ihrer individuellen Entwicklung gut angepasst, in die erste Autonomiephase. Ein "Nein" kickt die linke Gehinhälfte von jetzt auf gleich in den Sparmodus und Empörung breitet sich wie eine Flut aus. Drama hoch zehn. Zum Beispiel beim Einkaufen. Kreischen in höchsten Tönen, Tränen und dann die bösen Blicke von Miteinkäuferinnen. Mutter kommt langsam in Hektik. Oh, ich erinnere mich. Ich kenne das. Aber Oma, die Oma kann ganz in ihre Ruhe gehen und mit Gelassenheit der KleinMadame verrückte Dinge zuflüstern: "Oh ja, ich kenne das, wenn auf einmal dieses blöde "Nein" auftaucht und sich dir in den Weg stellt. Diese doofe Welt hat bisher doch immer gemacht, was du wolltest und jetzt auf einmal gibt es da und da und dort das "Nein". Da kann man richtig wütend werden. Und dann muss man schreien, damit die Wut kleiner wird. Und du schreist so schön. Hör mal, die Oma kann überhaupt nicht so toll schreien wie du..." Kicksender Schreiversuch meinerseits. Jetzt gucken mich die Leute an, als sei ich deppert. Aber, ich bin alt, ich darf das. Und Kind ist total erstaunt und Schwupps haben wir ein neues Thema: Wer schreit schöner... laut ... lauter ... leiser ... noch viel leiser. ... Alles wieder gut dann.
Mir bekannte Blogger hören auf gegen Fremdenhass und Rassismus zu bloggen, weil sie und ihre Familien ganz konkret und real von rechten Arschlöchern bedroht werden. Und die Masse schweigt. Die Politiker verpissen sich oder instrumentalisieren die „besorgten BürgerInnen“  zur Erhaltung ihrer eigenen kleinen Pöstchen und Pfründe. Das treibt mich um. Dieses Kapitulieren. Auf der einen Seite kann ich es nachvollziehen, auf der anderen Seite schießen mir tausend Bilder durch den Kopf: Freunde, die im Iran starben; die Kämpfer aus Griechenland; das schweigende Zusehen beim Abschlachten in Ruanda oder in Sarajewo; die Toten in Palästina; damals die Menschen in Chile, heute in Syrien… und, und, und … so viele unterschiedliche Bilder … eine Flut von Menschen, die ich oft persönlich kannte, rast durch meinen Kopf … Menschen, die nicht aufgegeben hatten für ihre Überzeugungen laut und deutlich die Stimme zu erheben … wieder und immer wieder … und die mit ihrem Tod dafür bezahlten. Oh, es ist anmaßend, ich weiß. Ich gehöre zu der Generation, die eigentlich im eigenen Land bei freien Meinungsäußerungen nie mit ihrem Tod, meistens nicht mal mit körperlichen Verletzungen bedroht war. Ja, ich verstehe diese Angst und diesen Rückzug, wenn es um Familie und das eigene Leben geht. Das Leben. Aber, das Leben ist nicht so.  Nicht für die Mehrheit der Menschen auf er Welt. Da gehören Gewalt und Todesängste zum täglichen Brot. Ja, es macht Angst, wenn da so ein durchtrainierter Idiot sich vor einem aufplustert und du siehst in seinen Augen, dass er bereit ist dich zusammen zu schlagen und ihm dein Leben nicht einen Pfifferling wert ist. Ja, das macht Angst. … Aber, das Schweigen, dieses Schweigen aus Angst, das macht mir noch viel mehr Angst. So viel mehr.

Es ist nicht rund in mir. Noch nicht. Aber mein Bauch sagt mir, wider alle Vernunft, aufhören ist falsch. Ganz und gar falsch.