Ich nehme die Sorgen meiner Mitmenschen sehr ernst. Wenn es
in der realen Welt keinen ursächlichen Grund für diese konkreten Sorgen gibt
(z.B. Angst vor Überfremdung, obwohl keine Fremden weit und breit vorhanden;
Angst vor Arbeitsplatzverlust, obwohl man gar keinen Arbeitsplatz hat; Angst um
die Sicherheit von Frau und Kindern, obwohl man seit Jahrzehnten Single und
zeugungsunfähig ist), so nehme ich die geäußerten Sorgen trotzdem ausgesprochen
ernst. Ich nehme sie ernst als Symptome
und Hilfeschreie einer tiefer liegenden inneren Störung des
seelischen/psychischen Systems. Und biete, falls Termine vorhanden und es passt,
umgehend einen Therapieplatz bei mir an oder versuche an kompetente und, bei
schwereren Fälle, für dieses Klientel zugelassene Kollegen zu vermitteln. Nicht ernst nehmen, das geht gar nicht.
Punkt.
Interview mit S. Edathy
"Was ich nicht
in Abrede stellen würde, ist, dass das, was mir vorgehalten wurde, auch etwas
mit über längere Zeit nicht ausgelebter Sexualität zu tun haben könnte."
Wie würde ich darauf reagieren, wenn ich mit ihm arbeiten würde? So vielleicht:
„Was ist das denn für ein Argument? Du lebst deine
Sexualität (welche?) nicht aus und kaufst dir deshalb Bilder und Filme von
kleinen Jungs? Du achtest aber sehr sorgsam darauf, dass diese sich, laut
deinen Äußerungen, im legalen gesetzlichen Rahmen bewegten? Willst du mich
verarschen? Wir reden über Kinderpornografie, oder? Ich habe dir bei deinen
politischen Auftritten sehr genau zugehört und halte dich für einen
intelligenten, gebildeten und eloquenten Menschen. Warum eierst du dann bei
diesem Thema so rum und machst auf dumm und dusselig? Du beleidigst mich damit.
Entweder wir reden Klartext, oder du gehst und verschwendest nicht meine Zeit.
Also, über welche Formen der Sexualität reden wir, wenn wir hier über die
deinige reden?“
Naja, ich nehme an, er finge jetzt an zu heulen und sich
in der Opferrolle zu verheddern. Es wäre ein weiter Weg, um dann endlich mal
auf den Punkt zu kommen.
Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob ich mit ihm
arbeiten würde. Ich spüre so gar keinen Leidensdruck bei ihm. Aber, dies ist
nur eine Vermutung. Er sitzt ja nicht vor mir.
Das Interview find ich übrigens dämlich und dient wohl
eher der voyeuristischen Befriedigung der Leserschaft und der damit einhergehenden Erhöhung der
Klickzahlen.
Interview mit S. Edathy
Zweite Haut
SPD gibt Volkesnähe, Griechenland den Büttel für die
Banken, die Flut spielt den Aktenvernichter und der Despot vom Bosporus rülpst
mal wieder Menschenverachtung. Und auf der Welt verrecken die Leut. Medienschau
in den frühen Morgenstunden ist ein Graus. Da erheitert mich der folgende
Artikel doch ungemein und erscheint mir wie eine Metapher für so manches
Gelesene. Nicht mehr das Köpfchen in den Sand, sondern einfach eine zweite Haut
überstreifen an der alles abrinnt, was beunruhigen oder falten könnte. … Aber,
aufgepasst! auch diese runzelt sich am Abend und das reale Leben kriecht
hartnäckig unter die Decke der Verlogenheit. Frau Müller startet ungeschminkt
und erhobenen Kopfes in den Tag und hofft, dass wir solche Deckmäntelchen
jedweder Art niemals nicht nötig zu haben meinen.
Wahlfamilie
Wodurch ist eine „Wahlfamilie“ gekennzeichnet?
Verbindlichkeit (U.a. in der Zugehörigkeit)
Langfristigkeit (Überstehen von Stürmen und heiteren Sonnenzeiten)
Verantwortung (Für sich selbst, das Gegenüber, die
Gemeinschaft)
Loyalität (Gegenüber sich selbst, für die Gemeinschaft
einstehen)
Gegenseitigkeit (Balance zwischen Geben und Nehmen)
Solidarität (Einer für alle, alle für Einen)
Gewaltlosigkeit (gewaltfreie Kommunikation und
ebensolcher Umgang miteinander)
Menschenfreundlichkeit (Akzeptanz, Offenheit, den anderen
so sein lassen)
…
Eine Wahlfamilie ist keine pragmatische Wohngemeinschaft,
keine Pflegestelle, kein Babysitterdienst, kein…
Gelassenheit
Das Schöne ist ja: Kleine Kinder wollen und können gar
nicht anders als zu lernen. KleinMadame isst mit Gabel, hält den Stift richtig
in den Fingern, rennt Pipi/Kacka schreiend kichernd auf die Toilette und
babbelt immer öfters in ganzen vollständigen Sätzen, räumt ein und weg und
denkt sich eigene Spiele aus... ... und, und, und. Alles ohne dass wir uns
bisher über irgendeines dieser Dinge einen erzieherischen Kopf gemacht hätten.
Sie lebt einfach mit uns, guckt zu und ab und macht ihr Ding. Unsere Gelassenheit
überträgt sich lernfördernd auf sie. Das war es schon.
Abgeschnittene Gefühle
Es war dieses VerSchweigen der eigenen Gefühle in den
erzählten Geschichten, das mich als Kind und Jugendliche verrückt gemacht hat.
In einem Arbeiterhaushalt aufgewachsen, in dem mein Großvater, als
Familienoberhaupt, sehr wohl sehr viel über den Krieg erzählte, über den
Aufstieg der Nazis, über den Irrsinn an der „Heimatfront“ und auch über
politische Zusammenhänge, damals und dann, fehlte mir in der Rückschau immer
das Sprechen über die eigenen Befindlichkeiten in all diesen anekdotenhaften
Erzählungen. Alles spielte sich auf einer distanzierten Metaebene ab. Von den
Frauen der Familie hörte ich gar nichts über ihre Erlebnisse aus diesen Zeiten.
Zumindest in meiner Anwesenheit war das nie ein Thema.
Erst als ich älter wurde und nachfragte und nicht nachgab
mit meiner wütenden Bohrerei, durchbrach ich manchmal diese Mauern der
abgeschnittenen Gefühlswelten und bekam einige Tränen der Verzweiflung, sah die
unsägliche Angst und die tiefe Verwirrtheit ob all dem Grausen kurz aufblitzen.
Aber, es waren nur Häppchen, die schnell wieder eingesammelt, relativiert
wurden durch oberflächliches Gelächter.
Es hat mich viel Kraft und schmerzliche Selbstbeschau
gekostet diesen mir vererbten klebrigen Zugang zu den eigenen Gefühlen bei mir
selbst durchlässiger zu bekommen. Ja natürlich, es hat mich geprägt.
"Wir müssen harte Bilder aushalten", sagt der
Innenminister.
Muss ich nicht, werde ich nicht. Niemals. Ich werde
weinen, schreien, toben, kotzen und rotzen. Immer wieder.
Was ist das überhaupt für ein Wort "aushalten"
in solch einem Kontext? Verrohen, abstumpfen, erkalten, verhärten, gleichgültig
werden gegen das Leid und das Elend anderer Menschen ... und letztendlich gegen
sich selbst. Erinnert mich sehr stark an den Prozess der "Ausbildung"
und das entmenschlichende Training eines Folterers.
Reziproke Wahrnehmung des Gegenübers und das daraus
resultierende Mitgefühl sind wesentliche Grundlagen unseres Menschseins. Sie befähigen uns zur
Solidarität, zur Hilfsbereitschaft, zur Barmherzigkeit und zur Güte. Sie sind
die Basis jedweder menschlicher Solidargemeinschaft. Und wenn ich die
evolutionäre Entwicklung des Menschen zum Menschen richtig verstanden habe,
dann waren genau diese Eigenschaften der eigentliche Motor dieser Entwicklung.
Und das sollen wir jetzt alles aufgeben? Empathie und
Mitgefühl in den Schredder schmeißen? Aushalten lernen? Für was? Für wen? Ihr
habt ja einen Knall, ihr Giergeier, ihr Machtmenschen, ihr verlogenen
Pöstchenkleber.
Ich nicht. Niemals.
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