„Ihr Kommentar zur Wahl in Thüringen, Frau Müller?“

„Alle tun so überrascht. Wo haben die denn die letzten Jahrzehnte gelebt?“


Dieser ganze Pseudo-Diskurs über angeblich bei uns nicht mehr vorhandene Meinungsfreiheit, geht mir sooooo auf die Nerven.

Klare Ansage von meiner Seite: Du darfst alles sagen, was du willst. Allerdings trägst du dann bitte auch ohne Rumgejammer und Gekreische die Verantwortung dafür. Bist ja schließlich kein Kleinkind mehr. Verantwortung bedeutet: Das, was du von dir gibst, hat Konsequenzen. Manchmal auch strafrechtliche. Manchmal klopfen dir Leute dafür auf die Schulter und manchmal bekommst eine geknallt. Manchmal hören dir viele zu, manchmal interessiert es niemanden. Manchmal bist du dann in bestimmten Berufen und Kreisen nicht mehr erwünscht und manchmal bekommst du eine Gehaltserhöhung und findest die Liebe deines Lebens. Das Schöne ist, mit ein wenig Einsatz von Verstand und Interesse kannst du die eventuellen Konsequenzen schon vorher einschätzen und selbst entscheiden, ob du sie in Kauf nehmen willst, oder doch lieber schweigst und noch mal nachdenkst. Deine Entscheidung. Deine Verantwortung. Also hör auf zu heulen, verdammt!

Und es ist ja nicht nur dieser Diskurs. Da reden Idioten über Bürgerkrieg, Diktatur, Polizeistaat, und, und ... hätten wir ... hier bei uns. Die haben alle doch gar keine Ahnung, nicht mal ein Fünkchen davon, was es wirklich bedeutet in solchen Zuständen und Systemen zu leben. Och, es regt mich auf!


All die Geschichten und Erzählungen in meiner Kindheit lehrten mich doch vor allem eines:

Egal ob du ein Pfannkuchen, ein kleiner Junge, ein hässliches Entlein, ein Einhorn, ein glupschäugiges Tentakelwesen, ein Drachentöter, eine Prinzessin, eine Lokomotive, ein Drache, eine Königin, ein Monster, eine buntbestrumpfte Heldin, ein sternfangendes armes Hascherl oder ein Stäubchen im weiten Weltall bist: Deinen Schmerz, deine Freude, deine Traurigkeit, deinen Mut, deine Treue, deine Einsamkeit, deinen Verlust, deine Hoffnung, deine Ängste, deine Beharrlichkeit, dein Suchen nach Liebe, Freundschaft, Glück, deine ganze Gefühlswelt eben, all das finde ich auch in mir.

So fing es wohl an mit meinem unverbrüchlichen Wohlwollen für alle Menschen und für alle Kreaturen.

Jetzt bin ich alt und es hat sich nichts daran geändert. Also kommt mir nicht damit, dass ich irgendjemanden nicht mögen oder gar hassen sollte, nur weil er irgendwie anders ist als ich. Ne, tut mir leid, dafür bin ich nicht geschaffen. Dafür gibt es keinen Raum in mir, denn dort tummeln sich immer noch die verrücktesten Wesen aus meiner Kinderzeit in vergnüglich stiller Eintracht. Und das ist gut so.


Ich habe gerade auf Twitter ein Video angesehen, in dem ein Vater sein kleines Kind ins Gesicht schlägt, damit es stehen lernt.

Ich teile dieses Video nicht. Ich geh kotzen.

Danach werde ich versuchen meine zerbröselnde Menschenliebe aufzukehren. Ob ich sie diesmal endgültig in den Mülleimer schmeiße oder versuche sie noch einmal zu kitten (zum wie vielten Mal eigentlich?), weiß ich noch nicht.

Beiläufige, ganz persönliche Anmerkung:

Da wird in diesen Tagen immer wieder davon gesprochen, dass Hass und Hetze der Nährboden von Gewalt seien. Sorry, Hass und Hetze, gesprochen oder geschrieben, sind für mich Gewalt. Waren es schon immer. Genauso demütigend, verletzend und manchmal tödlich wie körperliche Gewalt. Ich mag und kann da keinen Unterschied oder gar eine Abstufung machen. Es ist Gewalt. In unterschiedlichen Formen, sicher. Aber es ist Gewalt. Punkt.


Ermutigung zur Lebensfreude.

Auch und gerade in diesen Zeiten. Wieder und immer wieder. Sich daran erinnern und es wiederholen:

Das Leben ist schön und wunderbar. Genieße es!!

Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde wach und bewusst das eigene Leben mit allen Sinnen goutieren.

Das darfst Du!

Sicher, die Welt ist nicht nur schön. Es gibt so Vieles, was im Argen liegt, so viel Leid, Elend, Schmerz und Tod. So vieles zu verbessern, zu verändern, neu zu gestalten.

Es gibt tausendundeinen Grund traurig und zornig zu sein.

Aber es gibt auch ein unschlagbares Argument, das für den Genuss des eigenen Lebens spricht:

Nur so, und wirklich nur so, bekommst Du die Kraft und die Energie um wieder und wieder gegen den Strom zu schwimmen und den Mund aufzumachen gegen Unrecht und Ungerechtigkeit und laut und deutlich „Nein!“ zu sagen.

Nur so kannst Du wieder und wieder aufstehen und Dich, mit allem was Du bist, für Dich und andere einzusetzen. Nur so kannst Du den blutigen Windmühlenflügeln mit der Musik Deines Lachens einen neuen Rhythmus beibringen.

Und nur so wächst und gedeiht Deine Gewissheit, dass das Leben lebenswert ist und die Welt besser wird, weil Du so bist, wie Du bist und weil Du Dich einbringst, kämpfst und Dich mit Deinem eigenen Leben für die Schönheit des Lebens wieder und wieder verbürgst.

Also, genieße Dein Leben, auch und gerade in den widrigsten Momenten! Tanze, singe, weine, schreie, zerberste vor Liebe und vor Zorn und vor allem schmeiß Dein helles Lachen und Kichern in diese Welt des Leidens und des Schmerzes. Es ist ansteckend.

Dein Lachen heilt. Dich und andere.


Es gibt einen Satz, wenn ich den sage, da verdrehen die meisten meiner politischen Gesprächspartner genervt die Augen:

"Holt die Leute da ab, wo sie sich befinden!"

In den Stadtteilen, den Dörfern, der Nachbarschaft. Lebt mit ihnen, teilt ihre Sorgen und Nöte und löst gemeinsam ganz pragmatische Herausforderungen des Alltags und des Miteinanders. Arbeitet und feiert gemeinsam, lacht und weint, tanzt und trauert, empört euch und wütet gemeinsam. Seit auf einer ganz pragmatischen Ebene solidarisch. Dann hören sie euch auch zu und nehmen eure Gedanken und Vorschläge ernst.

Die Rechten haben das nach dem Mauerfall ziemlich gut in manchen Gebieten im Osten auf die Reihe bekommen. Als ich darauf hinwies, mal laut, mal leise, hat man mich ausgelacht und von oben herab abgekanzelt. Man sei ja schließlich keine Sozialarbeiteragentur.

Nun ja. Ich denke immer noch, dass dieser von mir aufgezeigte Weg ein richtiger wäre.