Das rein Destruktive von AfD, Pegida, etc. erkennt man daran, dass nichts, aber auch gar nichts Konstruktives aus dieser Richtung kommt. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der es oberstes logisches Gebot wäre - zur Erhaltung, Stabilisierung und Weiterentwicklung des Guten im Bisherigen - dem Chaos mit durchdachten Konzepten eine Struktur zu geben, kommt aus dieser Ecke nur nölend grölendes „Weg mit.., raus mit.., mimimi“. Das verstärkt das Chaos, zieht Energie vom eigentlich Wesentlichen ab, verschiebt den Fokus auf Nebensächlichkeiten und untergräbt den Prozess der angemessen reflektiert nachhaltigen Anpassung an neue globale Gegebenheiten. Und alle fallen drauf rein und geben sich dem Schwachsinn hin. Wie die Lemminge.  
„Da muss man doch helfen!“


Ne, eben nicht. Du musst! nicht helfen. Helfen, das ist doch kein Pflichtfach mit Sternchenvergabe. Du hilfst aus einem ganz einfachen Grunde: Weil du, genau du es in diesem Moment, an diesem Ort kannst. Dieses Können ist dem Menschsein immanent. Eine wundervolle Gabe. Du kannst natürlich auch, obwohl du ganz klar helfen könntest, sagen: Ich will hier und jetzt nicht!  Dieser freie Wille gehört auch zum Menschsein. Auch etwas Wunderbares. In dem Falle, dass du dich dafür entscheidest nicht zu helfen, obwohl du es könntest, musst du damit leben, dass andere Menschen vielleicht meinen, dass du ein großes Arschloch seist. Das dürfen die. Das nennt man Meinungsfreiheit. Und obwohl sie diese Meinung von dir haben (dürfen), könnte es sein, dass sie dir! dann irgendwann trotzdem helfen, weil sie es eben können und wollen. Das nennt man dann auf ihrer Seite Nächstenliebe und auf deiner Seite verdammtes Glück. 
Vertrauen. Erwähnenswert erscheint mir noch, dass es mit dem Vertrauen so ähnlich wie mit der Liebe ist: Bevor ich jemanden vertrauen kann, muss ich erst mir selbst vertrauen. Dieses Selbstvertrauen ist für mich eine der wesentlichsten Kompetenzen und Ressourcen eines Menschen überhaupt. Und für mich eines der wichtigsten Kriterien in der Pädagogik. So frage ich mich immer sofort, ob mit dieser oder jener Handlung Selbstvertrauen im Kinde gefördert oder abtrainiert wird. Dieses Vertrauen in sich selbst ist übrigens eines der stärksten präventiven Mittel gegen Sucht und Gewalt.


Jeder Mensch kommt mit einem riesigen Selbstvertrauen auf die Welt. Ohne das könnten all die wahnsinnigen Entwicklungsschritte in den ersten drei Lebensjahren gar nicht stattfinden. Leider gibt man sich dann mit allerlei standardisierten Erziehungskonzepten sehr, sehr viel Mühe das zurecht zu stutzen oder gar zu zerschlagen. Menschen mit Selbstvertrauen lassen sich nun mal nicht so leicht verführen, lenken, abhängig machen, herum kommandieren, verarschen, benutzen, ausbeuten, zum unreflektierten Gehorsam zwingen. Denn mit dem Selbstvertrauen geht das Selbstbewusstsein einher und gemeinsam ist dieses Geschwisterpaar kaum schlagbar. 
Ladyabteile in Bussen und Bahnen von wegen Schutz der Frauen vor Übergriffe und Anmache.

"Also, ich finde ja, wenn man da schon konsequent präventiv, dann sollten doch die Männer lieber zu Fuß gehen, und gut is."

"Das ist jetzt aber sehr diskriminierend, Frau Müller!"

"Das war ein Witz, jetzt stellen Sie sich nicht blöder als Sie sind. Aber ernsthaft: Da fährt die Frau abends unbehelligt im Frauenabteil der S-Bahn (falls nicht gerade irgendwelche Mädchenbanden unterwegs sind), wird am Bahnhof von der schon leicht beschwipsten Bürgerwehr abgeholt und sicher bis zur Haustüre begleitet und bekommt dann drinnen von ihrem Ehegatten eins in die Fresse, weil sie mal wieder vergessen hat, dass er seinen Salat nie, ich wiederhole nie! mit Apfelessig angemacht und immer von rechts serviert zu haben wünscht. Nun ja, sie kann sich dann ja später sehr sicher fühlend vom Frauentaxi ins Frauenhaus bringen lassen. Immerhin, das ist doch was!"
Was hat sich konkret an deiner persönlichen Lebensqualität durch die Zunahme der Flüchtlings- und Migrationszahlen in den letzten Monaten geändert?

Was hat sich für mich verändert? Real konkret erstmal nix, außer dass meine Tochter öfters als sonst gefragt wird, aus welchem Land sie denn geflohen sei. In Bezug auf Anmache, Antanzen, sexuelle Übergriffe etc.  - da ich älter bin und weniger in der Stadt nachts unterwegs, kann ich dazu nix sagen. Als Frau war ich in bestimmten Situationen schon immer auf der Hut. Rassismus? Ja, gab und gibt es, solange ich denken kann um mich drum herum. Hat mir nie Angst gemacht, sondern mich höchstens wütend. Genauso wie die Realpolitik weltweit. Für mich eine Systemfrage, daran hat sich nichts verändert. Warum auch? Gewalt auf den Straßen? Ich frag mich seit Jahren erstaunt ob all dem Elend und der Ungerechtigkeiten, warum unsere Städte nicht brennen. Aufgefallen ist mir, dass eben nicht nur die Braunen und "Besorgten" lauter werden, sondern auch die Besonnen und bisher eher stillen, hilfsbereiten und offenen Menschen. Das geht oft unter in diesen Tagen. Fürchte ich um mein Land? Nicht mehr und nicht weniger als in den Jahrzehnten vorher. 

Schaue ich auf die letzten sechzig Jahre zurück, so ganz persönlich, dann kann ich nur feststellen, dass Dummheit, Vorurteile, Diskriminierung und auch Rassismus schon immer ein Teil meines Lebens waren, mit dem ich mich auseinandersetzen musste. Heute ist er lauter, bekommt mehr öffentlichen Raum. Das macht es widerlicher, aber für mich als Person auch einfacher: Mein Gegenüber sagt mir nun ins Gesicht, welche Gesinnung es in sich trägt und schlägt nicht hinterfotzig hinten rum um sich rum und auf mich drauf.

Die vielen Menschen aus so unterschiedlichen Ländern? Da ich Jahrzehnte in der Flüchtlingsarbeit tätig war, kommt mir das alles nicht fremd vor. Zu meinem Umfeld gehörten und gehören ganz selbstverständlich Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen. War und ist eine Bereicherung.

Ja, ich weiß deshalb um die Problematiken der Integration, auch um das Gewaltpotential auf allen Seiten. Ich weiß aber auch: Einfache, eingleisige Lösungen waren und sind für die Katz und allerhöchstens Propagandamittel. Nebeneffekt durch die hohe Zahl der Neuankommenden: Das was bisher schon Scheiße war in meinem Land, wird nun deutlicher sichtbar. Dafür können die Ankommenden nix, das sind unsere liegen gebliebenen Aufgaben. Die könnten wir jetzt endlich gemeinsam angehen.

Besorgnisse? Ja, die kann ich gut verstehen. Umbrüche und Veränderungen bringen das mit sich. Im Großen und im Kleinen. Eines der besten Werkzeuge dafür: Raus aus dem passiven Hinnehmen und aktiv an der Gestaltung einer menschenwürdigen, die Menschenrechte achtenden Gesellschaft für alle mitwirken. Alles was wir dafür brauchen, ist schon da. Im Großen, wie im Kleinen.


Hoffnungslos macht mich das alles nicht. So gar nicht.
„In welchem Land würden Sie gerne leben, Frau Müller?“

„In diesem Land. Ich bin froh und dankbar, dass ich hier geboren wurde, aufgewachsen bin und immer noch lebe. Hier gab es in meiner Lebenszeit weder Krieg, noch Hungersnöte. Es gab keine Diktatur, keine Ermächtigung, keine lebensbedrohlichen Militäraktionen. Ich konnte zur Schule gehen, studieren, mich einbringen mit bürgerlichem Engagement. Ich musste nicht um mein Leben oder das Leben der Meinigen fürchten. Wenn ich mich gegen den Mainstream wandte, konnte ich dies offen und ohne einen nachhaltigen körperlichen Schaden zu nehmen tun. Ich konnte Form und Ausgestaltung meines Lebens eigenverantwortlich wählen.“

„Das ist aber sehr blauäugig, Frau Müller! In Ihrer Lebenszeit gab es die Zeit des Berufsverbotes, die Folgen von Hartz IV, Aufrüstung, Not und Elend der Arbeitslosigkeit, Diskriminierungen jedweder Art. und, und, und … unsere Demokratie, unsere Geschichte der letzten Jahrzehnte strotzen nicht gerade nur von Erfolgsgeschichten, sondern haben auch ihre dunkle Seiten und Schattenwelten.“

„Das bestreite ich nicht. In keiner Weise. Aber ich konnte und kann mich einbringen. Kann mich laut und öffentlich dagegen wehren. Kann mich engagieren und kämpfen. Kann wählen, ob ich hinnehme oder nicht. Das mag für viele Menschen, weil es so selbstverständlich ist, nichts Besonderes sein. Für mich war und ist es etwas Besonderes, weil es das eben nicht überall auf der Welt gab und gibt. Rückblickend kann ich doch sehen, was sich im Laufe von fast sechzig Jahren geändert hat. Und vieles davon ist gut. Es könnte noch besser sein, manches ist erschreckend schrecklich, aber es ist eben auch vieles gut.“

„Doch jetzt scheint sich einiges, auch hier, zu verändern, oder?“

„Nun, meine Komfortzone in diesem, meinem Land hatte und hat natürlich seinen Preis. Bezahlt haben und bezahlen tun den die Menschen in anderen Ländern durch Ausbeutung, Hunger, Krieg. Ihr Tod, Leid und Elend ermöglichten meinem Land, und auch mir, die Schaffung der Rahmenbedingungen für ein annähernd  freiheitliches Leben, in denen es möglich war mit Themen wie z.B. Gleichberechtigung, Inklusion, Rechtssicherheit, Aufbruch traditioneller Rollenbilder in Familie und Arbeitswelt, Bürgerinitiativen, Meinungsfreiheit, Erziehung, Selbstverwirklichung und vielen mehr real zu experimentieren und diese peu à peu neu zu gestalten. Es war absehbar, dass dies in einer globalisierten Welt nicht immer so weiter gehen könne und ich, wir uns an der Bezahlung des Preises irgendwann würden beteiligen müssen. Diese Zeit kommt nun. Ich sehe dies jedoch als große Chance: Lassen wir die Menschen, die jetzt zu uns kommen, teilhaben an den Kenntnissen und Errungenschaften der letzten sechzig Jahre. Teilen wir mit ihnen unsere Lebensart, unsere gewonnenen und verfestigten Werte und unseren Wohlstand. Aus der sich daraus ergebenden Mélange werden wir letztendlich langfristig als Menschheit alle nur profitieren können. Davon bin ich zutiefst überzeugt.“


Ja, man könnte jeden einzelnen Punkt hier detaillierter ausführen, unterfüttern, belegen. Alle Wenn und Abers einbringen. Viel, viel konkreter werden. Sollte aber keine Buch oder Doktorarbeit werden.
"Frau Müller, sagen Sie doch mal etwas über den Terroranschlag in Istanbul heute. Immerhin sind da Menschen mit deutschem Pass Opfer geworden!"

"Tschuldigung, ich komme leider nicht hinterher. Ich bin noch am Verarbeiten der Terroranschläge in Tel Aviv und in Hurghada. Außerdem verzweifle ich nebenbei noch über die verhungerten Kinder in Madaja und die toten Schüler in Andschara. Ich komm nicht hinterher."

"Aber! Da sind doch Deutsche betroffen!"

"Ähm. Und? Meine Trauer und mein Mitgefühl machen sich nicht an Nationalitäten fest. Die Farbe von Pässen geht meiner Traurigkeit am Arsch vorbei. So ist die nun mal, meine Traurigkeit. Sie braucht Zeit. Für jede und jeden. Und da bleibt nicht viel in diesen Zeiten. Sie ist ganz atemlos, so furchtbar atemlos zurzeit, meine Traurigkeit."