17.2.20


"Leitkultur" ?

Klar haben wir eine Leitkultur.
Hauptpunkt: Nie wieder!

Und weil es so gerne genommen wird, vielleicht noch die christlichen Werte: Mitgefühl; Barmherzigkeit; Gastfreundschaft; Liebe deinen Nächsten; nicht lügen, gieren, töten ... hui, da wird es aber schon sehr, sehr eng für manche MitbürgerInnen.

1.2.20


"Armut nimmt mitten im Wohlstand, 
mitten im Gesättigten unauffällig Platz."


Armut schweigt und schämt sich. Das hat mich immer wütend gemacht. Ich habe unsere zeitweise Armut nie verschwiegen. Weder vor den Kindern, noch im Freundeskreis, noch sonstwo. Das hat mir geholfen, immer. Wie oft wusste ich vor dem Ende des Monats nicht, wie das Essen auf den Tisch zu bringen sei. Da musste ich rödeln und kreativ sein. Beispielsweise an dämlichen Marketingumfragen in der Innenstadt teilnehmen, um entweder ein bissl Geld oder Kekse für die Kinder zu bekommen. Bücher und CDs verkaufen zu einem Spottpreis, oder kreatives Kochen mit billig Nudeln, Tomatenmark, Sardinnen und Tütensuppen üben. Um abgelaufene Lebensmittel bitten. Klamotten nur vom Flohmarkt. Möbel vom Sperrmüll. Und, und, und. Alles manchmal ganz schön nervenaufreibend. Verzweiflung? Nicht oft. Denn dafür hatte ich Zeit mit den Kindern, tolle Zeiten. Viel Ehrenamt auch und politisches Engagement. Letzteres denke ich, fehlt heute einfach und wäre ein wichtiger Faktor für Resilienz. Denn ein politisches Verständnis würde zumindest einige Menschen aus der elendigen, lähmenden "Ich-bin-schuld-Falle" führen und eingesperrte Energien freisetzen.

Was würde darüber hinaus helfen?

Aktive, niedrigschwellige Nachbarschaftshilfen initiieren, offene Gespräche über Armut, Enttabuisierung, Wissen und Erfahrungen teilen bzw. weitergeben, neue und alternative Formen der Selbstorganisation kreieren, die Menschen in ihrer Verzweiflung und Scham ernst nehmen, wahrnehmen, abholen. Das tägliche Überlebenspotential als starke, positive Ressource ansehen und für neue Aktivitäten fördern, Entsprechende Aus/Weiter/Fortbildung für relevante Bezugspersonen (Pädagogen, Lehrkräfte, Sozialarbeiter, etc.) Politische Lobbyarbeit. Und, und, und ... dafür müssten jedoch viele kluge, wertschätzende und liebevolle Menschen endlich aus ihren Status Türmen herauskommen und sich ernsthaft, (vor)urteilsfrei einlassen auf "die da unten". War früher mal ein wesentlicher Aspekt aktiver politischer Arbeit an der Basis.

Könnte man doch glatt wiederbeleben.

31.1.20


Mein Sohn hat heute seine Bachelor Arbeit abgeben und sich gleich für den Masterstudiengang angemeldet. Für mich bedeutet dies sehr viel. Mehr als ich je ausdrücken kann. Es bestätigt mir mein tiefstes Vertrauen von Anfang an in dieses Kind. Es bestätigt mir, dass meine innere Haltung, dass Beziehung mehr wert ist als jede verkrampfte Erziehung, grundlegend richtig ist. Es bestätigt mir, dass Disziplin nur durch authentische Selbstmotivation genährt wird. Und es bestätigt mir, dass man so vieles schaffen kann, gegen manche äußeren Widerstände, wenn das entsprechende soziale Umfeld und die wohlwollende Begleitung durch ganz unterschiedliche, aber immer liebevoll akzeptierende Bezugspersonen vorhanden ist.

Leistungssportler, Ringen, MMA, Studium, Trainer, Coach, Partner, Freund, Onkel, Sohn – und das alles authentisch, verlässlich, zugeneigt, verantwortungsvoll.

Boah, wie genial haben wir, hast letztlich du, vor allem du!, die letzten dreißig Jahre gerockt!

Danke dafür!




16.1.20


Weil es mir in meinen digitalen Netzwerken immer öfter auffällt, dass sich da mir sehr lieb gewordene Menschen über die furchtbaren und schrecklichen Entwicklungen der Menschen in der letzten Zeit grämen und ab und an ganz hoffnungslos zu werden scheinen, erlaube ich mir diesen Beitrag von mir hier auch nochmal hochzuziehen ->

Ja, ich sehe die Schrecknisse. Jedoch sehe ich hier auch einen Denkfehler, wenn man meint, das sei alles so neu: Es ist heute eben nicht schlimmer als es früher schon war.

In meinem Leben gab es die entsetzlichen Bilder und Erkenntnisse der Zeit 33 bis 45, die Gräuel im Gulag, in Biafra, Ruanda, Griechenland, Chile, Kosovo … die medizinischen Versuche an Heimkindern, der RAF Terror und seine Folgen, Gewalt gegen Frauen und Kinder, das Elend der Vertriebenen, die Brutalität in den sogenannten heilen Familien, hinter Kirchentüren und in Jugendeinrichtungen, die Folterzentren rund um den Globus, die Kriege überall auf der Welt, und, und, und ... ...

Der Mensch war schon immer auch ein elendiges Mistvieh von unvorstellbarer Grausamkeit.

Wir bekommen heute nur mehr mit davon. Können hören und sehen und lesen. Das macht diesen Eindruck, es sei alles so viel schlimmer. Und natürlich die Propaganda jedweder Couleur, die unsere hochgezüchtete Angst braucht, um sich an ihr zu nähren.

Nein, es ist nicht schlimmer, nur sind sich heute viel mehr Menschen darüber bewusst, dass daran und auch daran überhaupt etwas Schlimmes sein könnte. Und genau das, dieses wachsende Gefühl für Unrecht überall auf der Welt, macht mir Hoffnung.

*Anmerkung
Würde ausschließlich oder doch überwiegend in allen Medien laufend über all das Gute und Positive hier im Land und auf der Welt berichtet werden, dann sehe unser aktuelles Welt- und Menschenbild ganz anders aus. Denn, obwohl der Mensch dem Menschen ein grausamer Schlächter ist, gab und gibt es die andere Seite eben auch. Immer. Überall. Auch, gerade, trotz all der Grausamkeiten und unvorstellbaren Szenarien reicht der Mensch voller Freundlichkeit, voller Engagement, voller Liebe und Mitgefühl auch immer seine Hand dem anderen Menschen. Überall auf der Welt.

13.1.20


Gilt immer noch:

Jedes Mal aufs Neue überrascht werden, jedes Mal aufs Neue von Gefühlen überrollt zu werden. Jedes Mal aufs Neue, entgegen aller Erfahrungswerte, wie beim ersten Mal mit großen Augen staunen, dass die Welt so ganz anders ist, als ich angenommen hatte.

Ja, ich heule immer wieder an den gleichen Stellen in längst bekannten Filmen und weine mir die Seele aus dem Leib bei jedem Bericht aus Kriegsgebieten, über jede Ungerechtigkeit, oder wenn ich sehe, wie Paare sich über Jahrzehnte zerfleischen, oder der einzelne Mensch mit aller Kraft gegen die Mühen des (Über)Lebens ankämpft, oder versucht gegen alle Widrigkeiten seine innere Balance zu finden. Ich bebe vor Zorn über all die aggressive Dummheit und Gnadenlosigkeit vieler Menschen und werfe meine Wut unbedacht laut schreiend in die Arena der zwischenmenschlichen Kommunikation ... und, und, und.

Denn, da ist ja auch die andere Seite: Das Kichern und Glucksen und Lachen über Dinge, für die sich andere nicht mal ein beiläufiges Mundverziehen abringen könnten. Da ist die Liebe zu den Menschen und zu mir ... und da ist immer noch Schönheit in allem Hässlichen … und, und, und.

Da ist nichts abgeklärt, da ist nichts kalt und abwinkend geworden. Da fehlt mir wohl das richtige Gen dazu. Ich bin kindlich. Und irgendwie will ich das auch nicht ändern.

7.1.20


Je mehr ich über die Vorfälle im Leipziger Stadtteil Connewitz in der Silvesternacht, und vor allem über die Berichterstattung dazu und in den diversen Kommentaren aus dem politischen Spektrum lese, desto mehr beschleicht mich der Verdacht, dass bestimmte Kreise recht froh gewesen wären, wenn dem Polizisten/den Polizisten  wirklich Schlimmeres passiert wäre.

Warum?

Für mich unterscheiden sich bisher im Aktuellen bei uns unterm Strich linke und rechte Gewalt vor allem dadurch, dass sich überwiegend nur die rechte Gewalt gezielt und absichtsvoll gegen Leben und körperliche Unversehrtheit von Menschen richtet. Und weil das so ist, musste man in den Berichten und Kommentaren wohl auch die RAF! bemühen um die angeblich aktuelle, staatsgefährdende linksextreme Gewalt in den Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung zu schieben und somit das alte Feindbild in konservativen Kreisen mal wieder aus der Mottenkiste zu holen, abzustauben und in Position zu bringen.

Das ist so lächerlich wie gefährlich und erinnert mich, wenn auch in (noch) wesentlich kleinerer Dimension, irgendwie an den Reichstagsbrand.

Die Gefahr für unsere Demokratie kommt derzeit ganz sicher nicht aus der linken Ecke. Wirklich nicht. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie sich Rechtsextremisten über das ganze Gehetze in die falsche Richtung gerade einen ablachen und sich vor Häme nicht mehr einkriegen.