Mein verstorbener Großvater hätte heute Geburtstag. Er
fehlt mir immer noch. Ich habe so viel gelernt durch ihn. Er hat mich ermutigt,
meine Träume umzusetzen und niemals ein „das-kann-ich-nicht“ oder ein „das-darf-man-doch-nicht“
akzeptiert. Trotzdem war er kein „perfekter“ Mensch. Er hat mich auch verletzt und
mich als Kind immer mal wieder im Stich gelassen. Manches kann ich bis heute
nicht verstehen, manches hat sich mir im Laufe meines Lebens verständnisvoll
erschlossen. Unterm Strich bleibt: Er hat sein Bestes gegeben, auch in
beschissenen Zeiten. Dafür bin ich ihm dankbar, unendlich dankbar.
„Frau Müller, Sie appellieren wirklich an die Menschlichkeit
der Menschen, die durch ihre Habsucht und Gier doch die Fluchtursachen erst
geschaffen haben? Sie sind schon ein wenig naiv, oder?“
„Na ja, aber, es könnte doch sein, dass …“

„Nein, Frau Müller, da war nichts sein, da ist nichts, und da
wird auch niemals etwas sein können. Denen, die an Krieg und Ausbeutung
verdienen, gut verdienen, denen gehen diese Menschenleben schlichtweg am Arsch
vorbei. Meinen Sie, das macht für einen von denen einen Unterschied, ob der Mann,
die Frau, das Kind elendig ertrinkt, oder von einem Maschinengewehr geschreddert
oder von einer Bombe zerrissen wird oder sich unter abscheulichen Bedingungen
zu Tode schuftet? Das ist denen egal. Das sind Kollateralschäden, Abfälle,
Späne, Restmüll. Sie verstehen nicht, dass die Gewinnler und Abkassierer und
ihre Handlanger da gar keine menschlichen Subjekte wahrnehmen, nie wahrgenommen
haben. Das sind, wenn überhaupt nur ein Gedanke dran verschwendet wird, maximal
Arbeitskräfte, Konsumenten, Wähler, Kanonenfutter, Zahlen auf den Papieren, frei
verfügbare Objekte fürs eigene Geschäft und den eigenen Machterhalt. Mehr
nicht. Das ist das, was Sie und viele andere mit einem gänzlich anderen
Menschen- und Weltbild einfach nicht verstehen wollen. Sie bewegen sich in zwei
völlig unterschiedlichen Universen. Da gibt es keine Schnittstellen. Gar keine.
„Ich weigere mich, ich weigere mich schlichtweg, das so zu
sehen. Ich weigere mich!“
„Das können Sie gerne tun. Es ändert jedoch nichts.“
„Sie sind ein Arsch. Sie sind so ein verdammter Arsch!“
So, erste Woche fast rum an der Uni. Manche (Wunsch)Vorstellungen
erwiesen sich als zu sehr geprägt von Erinnerungen, andere und neue Eindrücke
waren bereichernd. Erste, sehr persönliche Erkenntnisse: 1. Sich in einem
vollgestopften, kleinen Hörsaal ohne Fenster, aber mit gleicher, für sehr
untergewichtige Personen konzipierter Bestuhlung, wie zu meiner Zeit
(vielleicht klebt mein Kaugummi noch unterm Tisch?) althergebrachte
Erkenntnisse über das vorgeblich neue Konzept der Einheit von Körper, Geist und
Seele, jetzt mit einem englischen Begriff „Embodiment“ versehen, anzutun, ist
nicht mein Ding. 2. Die Begeisterung, das ErfahrungsWissen und der Elan älterer
Menschen in anderen Seminaren sind erquickend für meine Seele. 3. Das Essen in
den Mensen ist vielfältiger geworden. 4. Das Bologna Konzept für die Unis ist wirklich
so dämlich wie vermutet. 5. Die Fahrerei von Neuberg nach Frankfurt mit den Öffentlichen
ist sehr anstrengend und muss deshalb eingeschränkter laufen. Der Geist ist
willig, der Körper winkt schwächelnd ab. 6. Trotz aller vorläufiger Kritik
meinerseits und dem sanften Zurechtrücken illusionistischer Vorstellungen
bleibt nach dieser Woche das Gefühl, an diesem Ort sei doch noch ne Menge an
neuen und bereichernden Erfahrungen für mich möglich. Netzwerken ist nun angesagt.
Ach ja, ich steige von Handtasche doch wieder auf Rucksack
um *blinzel
„Dann siehst du Menschen, mit denen du noch vor ein paar
Minuten gesprochen hattest, durch die Luft fliegen. Nichtidentifizierbare Körperteile
landen vor deinen Füßen, auf deinen Schultern, auf deinem Kopf. Alles geht so
schnell. Da ist ein Schreien, Wimmern, Dröhnen. Die Luft stinkt nach Blut und
Tod. Das ist so ein ganz bestimmter Geruch. Er setzt dich in deiner Nase fest.
Noch Monate später riechst du ihn. Darauf konnten dich nichts und niemand
vorbereiten. Die Bilder, die Geräusche, die Gerüche bekommst du einfach nicht
mehr aus deinem Kopf. Da ist so ein inneres Zittern in dir. Immer. Ab diesem
Moment.“
„Ja, ich verstehe. Ein wenig. Vielleicht. Darum bist du
geflohen.“
„Ähm, nein. Ich bin Bundeswehrsoldat. Afghanistan. Ich
kann nicht fliehen. Auch nicht vor diesen Bildern in mir.“
Abonnieren
Posts (Atom)