Kluge Sätze vom Herrn Precht: "Aber wenn man sich philosophisch und historisch mit Religionen beschäftigt, sieht man, dass sie Menschenwerk sind, nicht Gotteswerk. Aber man kann natürlich trotzdem einem Glauben anhängen, wobei ich Glaube und Religion sorgfältig voneinander trennen würde. Religion ist ein weltliches Herrschaftsinstrumentarium. Glaube hingegen ist das, was übrig bleibt, wenn man die Grenzen von Verstand und Vernunft erkannt zu haben glaubt. Für Glaube ist in der Philosophie allemal Platz, für Religion weit weniger."

Das ist das, was mir in der ganzen aktuellen Islamgedönsdebatte fehlt: Lasst uns über Religion reden, ja. Ganz grundsätzlich und so, dass es jeder verstehen kann und dann schauen wir uns die großen Religionen an und, upps, wir werden vielleicht feststellen, dass die Gemeinsamkeiten in all ihrer Ungeheuerlichkeit größer sind als die Verschiedenheiten. Ich habe überhaupt keinen Bock darauf mich über Islam, Christentum, etc. in heiße RechtfertigungsKreiselDiskussionen zu verfangen. Ich will da raus. Ja, ich halte Religion, egal welche, für ein Instrument der Macht und Gierigkeit und der Verdummung.

Glauben kannst und darfst du, was du willst. Das ist ganz und gar deine private Angelegenheit. Religion jedoch ist niemals privat und erhebt immer den Anspruch der absoluten Wahrheit, der Deutungshoheit über die Welt und den Menschen, gibt vor, was Recht und Unrecht sei und hat den ihr immanenten Drang der Missionierung. Egal, wie sie sich nennt und egal, wer sich gerade ihrer bedient.


Und so ändere ich den obigen Satz vom Herrn Precht für mich: Für Glauben, für deinen und deinen und deinen ist in meiner Welt immer Platz. Für Religionen nicht.
Da schreibt „Die Welt“ ganz locker „Jeder, der bisher für die Flüchtlinge eintrat, sieht durch die Übergriffe von Köln seinen guten Willen geschändet.“ Ich nenne so eine Überschrift schlichtweg Brandstiftung.

 Als ich fühle mich in meinem guten Willen und meiner Hilfsbereitschaft nicht "geschändet". Was für ein Begriff überhaupt *grummel … Wenn solche Vorfälle wie Silvester mich von meiner Menschlichkeit, meiner Hilfsbereitschaft, meinem Mitgefühl abbringen könnten, wenn sich mein Welt- und Menschenbild dadurch grundlegend verändern könnte, dann wäre ich schon seit Jahrzehnten ein wandelnder Eisblock bei all dem Unsäglichen was der Mensch dem Menschen so antut.

Auf der anderen Seite, weil mir ja immer Blauäugigkeit unterstellt wird: Ja, ich bemerke seit Jahren, dass die Aggressionen im öffentlichen Raum, besonders  wenn sich Gruppen zusammen finden (Nationalitäten sind mir da egal) , zunimmt. Und ich frage mich jedes Mal, wenn ich damit konfrontiert werde:

1. Warum explodiert das nicht mehr und heftiger, bei Zunahme von all dem Elend, der Ungerechtigkeit, der Diskriminierung, der gesamtgesellschaftlichen Kälte?
2. Wie gehe ich als einzelner Mensch konkret damit um, wenn ich aus einem kommunikationsfähigen Subjekt plötzlich zum Objekt von unreflektiertem Hass und von Gewalt werde?

Die Antwort auf die erste Frage lasse ich hier mal weg, denn dazu müsst man weit ausholen. Beantworten kann ich aber die zweite Frage: Ich wehre mich, ich schreie, tobe, hol mir Hilfe, schlag zurück, versuche zu überleben und wenn das gelingt mich an der Strafverfolgung im Rahmen des Gesetzes zu beteiligen. Auf der Metaebene bemühe ich mich standhaft darum nicht genauso ein unreflektiertes menschenverachtendes Arschloch zu werden wie die. Kein Spaziergang das Ganze.

„Mir persönlich machen nicht die vermeintlich kriminellen Flüchtlingshorden, sondern die immer stärker werdenden rechten Gruppierung wie PEGIDA; AfD und Co. Sorgen und daß statt diesen mit Aufklärung begegnet wird, werden sie noch hofiert. Es ist dieser Rechtsruck der bürgerlichen Mitte, die besorgniserregend ist.“

„Guck, man denkt sofort nur an "Flüchtlinge". Ich schrieb aber, sehr bewusst, dass ich seit Jahren die Erfahrung von steigender Gewalt und Aggression im Öffentlichen Raum mache und da gab es diese große Zuwanderung doch noch gar nicht. Ich rede von Gruppen, die sich zusammenfinden, nach der Feier, vor der Feier, oder einfach auf Plätzen und auf der Straße, in den U-Bahnen, in den Parks, meistens betrunken, (wie nennen die jungen Leute das? "Vorglühen“?) meistens junge Männer, aber manchmal auch junge Frauen und aus denen heraus plötzlich eine Gewalt springt, die dich einfach überrollt. Und ja, ein Teil dieser Leute finde ich jetzt auch in der rechten Szene wieder. Aber nicht nur.“

„Ein Faktor bei diesem Anstieg dürfte in der vermehrten Perspektivlosigkeit vieler liegen, der gesamten gesellschaftlichen Kälte, jeder soll sich optimieren, jeder steht in Konkurrenz zum anderen, um den Arbeitsplatz und so weiter.“

„Siehst du und genau dieser Diskurs wird zurzeit nicht mehr geführt, weil sich alles um die paar (ja, es ist eine Minderheit!) Deppen von Pegida, AfD, etc. dreht und dreht und dreht. Dabei wären das die nachhaltigeren und viel wichtigeren Diskussionen: Was passiert in unserem Land, wenn immer mehr Menschen in die Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit abgedrängt werden? Was macht das mit einer Demokratie? Und all das, was da an Analyse etc. dazu gehört, ist einfach weg vom Tisch jetzt.“

Ergänzung: Ursachen? Zusammenhänge? Besteht wenig Nachfrage zurzeit. Alles hetzt von Empörung zu Empörung. Die moderne Form der altbekannten "Brot und Spiele" Szenarien. Es ist so banal: Es ist so ausgesprochen entlastend, zumindest kurzfristig, in Empörung und Hass zu schwelgen. Das kleine, kaputte, weinende, sehnende Ich kann sich für Momente groß und stark fühlen.  Und die großen Ichs, die, die sich in ihrem pathologischen Narzissmus und ihrer Psychopathie behaglich eingerichtet haben, gehen mittlerweile weiter ihren dreckigen Geschäften nach.

Das hat mich schon immer traurig gemacht: Was für eine Energie da verschleudert wird in Selbstzerfleischung der eigentlichen Mitstreiter alleine durch die falsche Stoßrichtung. Boah, wenn die in die richtige Richtung laufen würde, für Menschlichkeit und Miteinander, dann würden die Soziopathen an der Macht aber dumm aus der Wäsche schauen. Und damit schließt sich der Kreis.
Ein Nebeneffekt, nicht erst seit Silvester: Du kannst über kaum ein Thema in den sozialen Netzwerken mehr schreiben, ohne das dir das Flüchtlingsthema (oder/und Argumente aus diesem Themenkreis) dann relativierend um die Ohren geknallt wird. Egal ob es um Gewalt gegen Frauen und Kinder, Armut, Ausbeutung, Überwachung, Kriegstreiberei und vieles mehr geht, sofort tauchen Leute auf, die dir erklären zu meinen müssen, dass dies alles mit der Migration zu tun hat. Seid ihr alle bekloppt?

Man müsste jetzt quasi jeden Beitrag, jeden Kommentar mit der Eröffnung beginnen "Unabhängig von Migration und Flucht ..." ... Und nützen würde es trotzdem nix.
„Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker auf der Pressekonferenz am 5. Januar © Wolfgang Rattay/Reuters
… Reker hatte auf einer Pressekonferenz zu den Übergriffen in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof angekündigt, die Verhaltenshinweise zu aktualisieren, wie Frauen sich auf Partys verhalten sollten. Zu den Regeln gehöre zum Beispiel, zu Fremden eine Armlänge Distanz zu halten, sagte Reker in der Pressekonferenz auf die Nachfrage einer Journalistin. Zudem sollten Frauen darauf achten, unter den eigenen Freunden zu bleiben und sich von diesen nicht trennen zu lassen.“


Was für ein Verhaltenstipp an Frauen: Wenn ich jetzt raus gehe, soll ich möglichst Abstand zu mir fremden Männergruppen halten und nicht alleine gehen. Ähm ... nun ja ... das klingt so nach: Zieh dich ordentlich an, sonst bist selbst schuld, wenn dir was passiert! oder, noch besser: Zieh ne Burka an, damit du Männer nicht mit deinen Reizen reizt! oder "Was machst du auch alleine nachts auf der Straße als Frau! ... Gehts noch?! Und wenn ich nackt über die Zeil tanze, gibt das niemanden das Recht mich zu belästigen oder mir Gewalt anzutun! Wobei ich dann wohl in Köln und Hamburg eh an Silvester nicht belästigt worden wäre, denn ich hätte ja nackt nix zum Klauen bei mir gehabt. Von der ganzen widerlichen Instrumentalisierung durch die rechten Rattenfänger mal abgesehen, nimmt dieser Diskurs mittlerweile Züge an, die mich als Frau nur anwidern.

Sind unsere Städte jetzt für Frauen gefährlicher geworden?

Mein ganz und gar subjektiver Eindruck aus Frankfurt (der soooo gefährlichen Stadt): Ich habe mich mit 18, und das ist jetzt 41 Jahre her wesentlich unsicherer Nachts alleine auf den Straßen gefühlt, als heute. Mann könnte jetzt sagen, in meinem Alter falle ich eh nicht mehr ins Beuteschema potentieller Gewalttäter. Es geht aber ja nicht nur mir so, sondern meinen jungen Mädels auch. Die verstehen gar nicht mehr, wenn ich ihnen erzähle, wie das war, als ich jung war: Da konnste nicht in eine überfüllte Tram einsteigen, weil dir dort sicher irgendwer an den Hintern gefasst hat beim Drängeln und du hast den Mund nicht aufbekommen, weil du wusstest, sie würden über dich herfallen mit Argumenten wie: Wie siehst du auch aus! Irgendwas musst du ja getan haben, sonst wäre das ja nicht passiert! Was biste auch alleine unterwegs! Heute schreist laut, knallst dem Typen eine und er hat Glück, wenn er nicht von den Mitreisenden zusammen geschlagen wird. Im besten Fall, für ihn, wird er festgehalten bis die Polizei kommt. Und in der Nacht, wenn du aus dem Club kommst, dann brauchst nur laut werden, und schon sind ein paar Leute da mit Handys und auch tatkräftig und helfen dir. Es gibt bestimmt noch mehr Beispiele, aber die spar ich mir hier. Nein, ich finde es in meiner Stadt nicht gefährlicher, im Gegenteil. Auf der anderen Seite: Ja, organisiertes Verbrechen auf der Straße nimmt zu. Die Gründe dafür sind vielfältig, die RuckelzuckelMentalität beim Zugriff und bei der Verurteilung sind mir ein Rätsel und ich frage mich immer öfters, ob es am NichtKönnen oder NichtWollen liegt.

Anstieg des Organisierten Verbrechens, Raub und Diebstahl auf den Straßen.

Mir ging gerade so durch den Kopf: Organisiertes Verbrechen und die zaghaften Versuche von Polizei und Staatsanwaltschaft, das nachhaltig in den Griff zu bekommen. Nun, vielleicht erinnere ich mich falsch, aber gab es da nicht schon immer wieder mal eine Vernetzung und Kungeleien zwischen Staatsmachtvertretern und Milieu? Und standen hinter dem raubenden und gewalttätigen Fußvolk nicht immer auch irgendwelche Herrschaften, die mit anderen Herrschaften zusammen ab und an kumpelhaft soffen und hurten? Ist das alles Vergangenheit? Ich weiß ja net, ich weiß ja net.
„Frau Müller, Sie haben ja zwei Kinder groß gezogen, haben jetzt ein Enkelkind im Haus und öfters in Ihrem Leben mit Kleinkindern gearbeitet. Was waren und sind Ihre pädagogischen Grundsätze?“

„Kinder sind kleine Menschen, denen es an Erfahrungen fehlt. Beim Machen dieser Erfahrungen begleite ich, viele werden durch mich ermöglicht. Ich zeige ihnen, wie ich es mache und schau mir an, wie sie es machen. Davon lernen beide Seiten. Ein wechselseitiger Prozess. Liebe, Respekt, Achtsamkeit sind die Zutaten von meiner Seite. Trotzdem gibt es ein Machtgefälle, das zu leugnen, wäre eine Lüge: Ich bin erwachsen, sie sind Kinder. Das verwische ich nicht, sondern benenne es in den jeweiligen Situationen konkret. Meint, es gibt Situationen, in denen bestimme ich. Ohne Wenn und Aber. Dafür gibt es Regeln. Die werden erklärt und immer wieder überprüft. Es sind nicht viele und sie verändern sich im Laufe der Entwicklung des Kindes. Beispiel: Überqueren der Straße an der Hand, in meinem Beisein, alleine. Das Belohnung-Strafe-System als Erziehungsmittel lehne ich ab. Ich freue mich mit dem Kind, wenn es etwas geschafft hat; ich ermutige es, es wieder zu versuchen, wenn es noch nicht klappt; ich erkläre Konsequenzen für Regelbruch (wie gesagt, es gibt eine überschaubare Anzahl von Regeln) und halte diese konsequent ein. Wenn ich Fehler mache, dann rede ich drüber und entschuldige mich. Und, und … ach, wir wollen hier doch kein Buch schreiben. Das Wichtigste ist: Kinder lernen durch Vorbild. Also liegt es an mir und an meiner Arbeit an und mit mir, was da gelehrt und gelernt wird.“

„Ein Beispiel vielleicht noch über eine Regel, die nicht zu den pragmatischen gehört wie das ÜberdieStraßegehen?“

„Na ja, wichtig war mir bei meinen Kindern: Wir lügen uns nicht an. Nicht weil Lügen an sich schlecht sei, sondern, weil es Vertrauen bricht und die Intelligenz des Gegenübers beleidigt. Zu lernen gilt: Es gibt nichts, aber auch gar nichts, über das man nicht reden könnte. Hartes Brot, auch für die Erwachsenen. Wir lügen und schummeln im Laufe des Alltags mehr, als ich je vermutet hätte. Und da wir Vorbilder sind, heißt das immer wieder reflektieren, dazu stehen, laut benennen, lernen es anders zu machen.“

„So wie Sie das formulieren, erscheint Erziehung als harte Arbeit, Frau Müller."

„Nennen wir es nicht Erziehung, sondern das zusammen Leben mit heranwachsenden Menschen. „Erziehung“ hat für mich immer den Geschmack von oben nach unten. Das widerspricht aber meinen Erfahrungen. Es ist ein beidseitiges Geben und Nehmen und gemeinsames Lernen und Wachsen. Und ja, es ist arbeitsintensiv. Auf der Erwachsenenseite vor allem Arbeit an sich selbst. Läuft irgendwas schief mit und bei dem Kind, dann muss ich zuerst bei mir gucken. Das Kind spiegelt mich und meine Art des Umgangs mit mir und ihm. Bleibe ich in kritischen Situationen bei mir, erledigen sich die meisten starren Erziehungskonzepte ganz von selbst. Eine sehr bereichernde Arbeit, ja. Ach, und vielleicht noch das: Perfektion gibt es nicht. Alles ist im Fluss, Fehler sind Lehrmeister und liebevoller Umgang mit sich selbst und anderen ist das Schmieröl für lebendige und freudvolle Beziehungen, auch mit den Kindern. Das lehren sie uns nämlich und sind voller Verständnis für den Mist, den wir da ab und an bauen.“
Jahresrückblick? Zwei Worte langen. Knie und Lina. Von Dezember bis Oktober behindert durch kaputtes Knie mit Krücken und allem Drum und Dran. Das zweite Lebensjahr zusammen mit meiner Enkelin im gemeinsamen Haus. Lehrreich war beides.
Mag ich nicht. Der Bundespräsident Gauck hat mich mit seinem Satz "Wir haben gezeigt, was in uns steckt" in seiner Weihnachtsansprache mal wieder verärgert. Wen er bloß mit dem „wir“ meint? Also, ich habe nicht gesehen, dass er mal irgendwo aktiv zugepackt hätte. Weder an Stränden, noch an Bahnhöfen, noch in Zeltlagern, noch auf den Strecken, noch an den Grenzübergangen sah ich einen Herrn Gauck in Regen, Wind und Dreck seine vorgeblich menschenfreundlichen Hände tatkräftig sich beschmutzen. Zugepackt haben da ganz andere. Es ärgert mich, wenn sich da (wieder einmal) einer mit einem lockerflockig hingeschmetterten „wir“ Lorbeerkränze um den Hals hängt, die da ganz bestimmt nicht hingehören.  Bäh.