Wir können die Vertriebenen nicht aufnehmen. Zu hohe
Kosten. Aber wir können der Türkei und Griechenland Milliarden geben, damit sie
sie festhalten? Das erkläre mal jemanden, der da unten gerade im Schlamm an
irgendeiner geschlossenen Grenze sitzt. Ich sitz gerade im warmen Zimmer, bei
einem heißen Kaffee. Und ich kapiere es nicht.
Auszug aus einem Privatchat in Facebook:
Sie: „Du weißt schon, dass du Leute auf deiner Freundesliste
hast, die wiederrum mit Leuten befreundet sind, die eindeutig rechts stehen? Z.B.
xxy, yxx, xyx… und… . Du solltest deine Freundesliste mal aufräumen!“
Ich: „Oh. Danke. Wenn du einen Moment Zeit hast, dann
komm mal runter von deinem hohen Ross und setz dich zu mir. Du weißt schon,
dass wir hier bei Facebook sind und dass die „Freunde“ hier in den öffentlichen
Freundeslisten nichts, aber auch gar nix mit realen Freundschaften zu tun haben
müssen? Sie können, aber sie müssen nicht. Gut! Dann zu den „Freunden“ in
meiner „Freundes“Liste, die du da gerade anschwärzt: Da sind einige drunter,
die klicken bei einigen aus der rechten Szene „Freunde“ an, weil sie da
mitlesen und dagegen kommentieren wollen. Dann gibt es einige, die tun das,
weil sie neugierig sind und nicht jedes Mal eine Namensliste zum Mitlesen im
Suchfeld eingeben wollen. Bei ihnen allen achte ich darauf, wie bei jeder neuen
„Freundschafts“anfrage, was sie in ihrer eigenen Timeline so posten. Ist das
rassistisch, dann fliegen sie bzw. nehme ich sie nicht an. Und dann gibt es
einige, die finden manches, was da steht recht gut und verführerisch. Von den
letzteren kenne ich die meisten aus anderen Zusammenhängen persönlich. Solange sie
in meiner Timeline nicht ausfällig oder mir gegenüber persönlich respektlos werden,
kann ich gut damit leben, dass sie bei mir mitlesen und manchmal auch
kommentieren und sich auf Diskussionen einlassen. Also nein, ich sehe zurzeit
keinen Grund meine öffentliche „Freundesliste“ aufzuräumen. So, du kannst nun
wieder dein hohes Ross besteigen und weiter reiten.“
Sie:“Aber!“
Ich: „Nix aber. Ach, und ich vergaß zu erwähnen, dass ich
schon so lange ich denken kann, Petzen nicht mag. So gar nicht. In der Regel
petzt der Mensch um sich selbst zu erhöhen oder mehr Leckerlis zu bekommen als
andere. Mag ich nicht.“
Stille.
Was ich nicht kapiere: Fast alle Parteien und politischen
Organisationen blicken auf die 10plusminus Prozent der Rechten und drängeln
sich in der hektischen Anpassung ihrer politischen Konzepte (oder dem, was sie
dafür halten) um dieses Wählerklientel. Was ist mit den 80plusminus Prozent?
Würde es nicht mehr Sinn ergeben, sich um diese Leute einen Kopp zu machen?
Oder, z.B. wie in Hessen, gar um die 50plusminus Prozent NichtwählerInnen? Ich
halte dieses Anpassungs- und Hofierungsgehabe nach rechts schlichtweg für
dämlich.
Überhaupt fließen in diese Richtung viel zu oft, viel zu
viele unnötige Aufmerksamkeiten. An manchen Tagen habe ich beim Durchstöbern
der Medien den Eindruck, AfD und Konsorten hätten schon die Mehrheit in meinem
Land. Überall knallt mir jeder Pups und jedes Rülpsen von denen um die Ohren,
so als hätten diese Luftnummern tatsächlich die Wichtigkeit, die sie sich
selbst in ihren durchgeknallten Köppen so gerne andichten möchten. Aber, das
sage ich ja schon seit Beginn dieser ganzen rechten und besorgten
BürgerInnenbewegung: Ihr füttert die, wie unerfahrene Chatter, die unsäglichen
Trolle.
Sollte man sie ignorieren? Nein, natürlich nicht! Klare,
knappe Erwiderungen auf ihre inhaltlich leeren Fürze. Immer wieder. Klare Statements
gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Immer wieder. Doch dann bitte auch
und schnell Ansagen und Konzepte für die konkreten Dinge, die die Menschen im
Lande Tag für Tag umtreiben. Flucht und Migration ist doch nur ein Teil davon,
und real für die meisten, wenn ich mir die konkreten Zahlen der Zugereisten in
vielen Gebieten mal genau anschaue, in ihrem realen Alltag nur ein marginaler.
Da brennen der Mehrheit doch ganz andere Sachen auf den Nägeln. Und da, wenn es
konkret wird, da haben die Rechten ja nun wirklich nix, aber so gar nix an
Ideen oder Konzepten, mit denen die meisten Menschen was anfangen könnten oder
die gar realistische und zukunftsweisende Lösungswege aufzeigen würden,
anzubieten. Auf diesen Feldern sind sie wirklich zahnlos. Schaut sie euch doch
an, da wo sie in irgendwelchen Parlamenten rum sitzen. Da ist nur Luft und
Lächerlichkeit, sonst nichts.
Oder haben etwa die etablierten Parteien und
Organisationen da den Menschen auch nix mehr zu bieten und reiten deshalb
dieses Pferd von Flucht und Asyl bis in den Tod? Das wäre dann wirklich
beängstigend. Und wo sind die konkreten, realpolitischen Alternativen? Darüber
sollten wir uns einen Kopp machen und es allgemeinverständlich kommunizieren.
Jetzt. Dann hören uns die Menschen nämlich auch zu. Die, die nicht zu den
10+/-% gehören, sich aber auch nicht mehr gehört fühlen.
Mich ärgert die von Gabriel (und einigen anderen) wieder
eingebrachte Trennung zwischen „einheimischen“ Einkommensschwachen und
zugereisten Hilfsbedürftigen. So verläuft die Trennlinie nämlich nicht. Das ist
eine imaginäre Aufteilung und hat in meinen Augen nur den Sinn, vom eigentlich
Getrennten abzulenken. Die Linie verläuft doch zwischen denen mit horrenden
Einkommen auf Kosten derer mit geringem Einkommen.
Daran ändern jetzt auch die Zugereisten nichts.
Im Gegenteil. Sie machen vielleicht nur ein wenig
sichtbarer, wo es vorher schon mangelte und wo auf Kosten von der
Lebensqualität von Menschen gespart, gestrichen, rumgesetzwerkelt wurde: Hartz
IV mit all seinen menschenverachtenden Rattenschwänzen; Wohnungsnot; kaputt
reformiertes Gesundheitssystem; marodes Schulsystem; zu wenig Erzieher, Lehrer,
außerhäusliche Betreuung; Altersarmut, Sozialabbau insgesamt, und, und, und … .
Zugereiste initiieren oder verschlimmern da nix, weil es
vorher schon schlimm und erbärmlich genug war.
Abgelenkt werden soll mit diesem Auseinanderdividieren
vor allem von der berechtigten Forderung aller! hier lebenden Menschen auf ein
menschenwürdiges Leben. Dazu gehören: Einkommensmöglichkeiten, die
Grundbedürfnisse und Teilnahme ohne Abstriche zu befriedigen erlauben;
angemessener Wohnraum, gleiche Gesundheitsversorgung für alle unabhängig vom
Einkommen; dem aktuellen Wissenstand entsprechend ausgestattete
Bildungseinrichtungen und freier Zugang dazu und vieles mehr.
Fallt doch nicht auf diesen Käse herein und kapier
endlich: Der, der da neben dir an der Tafel ansteht für ein bissl Brot, Obst
und Gemüse ist dir, egal wo er herkommt, so viel näher als der, der dir jetzt
was von „wir müssten mal, wir könnten mal, wir sollten mal“ ins Ohr säuselt.
„Gestern Abend im
"Hexenkessel" in Langenselbold. Tisch war reserviert. Bevor wir noch
die Getränke bestellen konnten, kam die Besitzerin an den Tisch und meinte, wir
sollten bitte gehen. Begründung: Sie wolle keine Zigeuner in ihrem Lokal. Sie
habe schlechte Erfahrungen mit solchen Leuten und könne uns ihren anderen
Gästen nicht zumuten.“
Ich nenne das Rassismus.
Sippenhaftung. Irgendwie dachte ich, das sei Geschichte.
Ich habe das vor vierzig Jahren erlebt, als ich den Vater meiner Kinder
heiratete. Es ist Iraner und es war oft ein Spießrutenlaufen. Es schien mir mit
den Jahren besser geworden zu sein. Nun, ich habe mich wohl geirrt. Es war
anscheinend nur ein Luftholen. ... Luftholen. Genau, dir bleibt die Luft im
Hals stecken vor Empörung. Und da ist dann so ein Gefühlgemisch aus Wut, Verständnislosigkeit
und ... Scham ... Wieso eigentlich Scham? Demütigung, irgendwie erzeugt
Demütigung auch Scham. Was für ein widerliches Gemisch. Wie müssen sich
Menschen fühlen, denen das Tag für Tag immer wieder geschieht?
Traurig machte mich der Kommentar des Freundes: "Ach
komm, das erlebe ich laufend." Und dann tat er so, als würde es ihn nicht
jucken, weil es ja alltäglich ist. ... Leute, das macht etwas mit einem, das
steckt man nicht einfach weg. Da bist du ordentlich, arbeitest, bist freundlich,
hilfsbereit und bürgerlich engagiert, deine Familie lebt seit mehr als hundert
Jahren hier und dann bekommst laufend eines in die Fresse, weil du die Sprache
deiner Volksgruppe nicht sterben lassen willst, weil du Traditionen pflegst,
weil ... Ach, ich weiß auch nicht warum eigentlich. Es ist zum Kotzen.
„Ich bin Sinti. Manchmal schäme ich mich für meine Leute,
wenn sie wieder irgendwo irgendwelchen Shit machen.“
„Was für ein Blödsinn. Ich bin Deutsche, da käme ich ja
aus dem Schämen überhaupt nicht mehr raus.“
„Oh, Deutscher bin ich auch noch.“
„Ja, und Europäer, Weltenbürger, Mann, Mensch. So viel
Lebenszeit hast du ja gar nicht, um dich für alles und jeden fremd zu schämen.
Fremdschämen ist Scham im luftleeren Raum. Also für die Katz und verschwendete
Energie. Bleib bei dir. Leb nach deinen Regeln und nach herrschendem Recht und
Gesetz. Wenn du Mist baust, dann übernimm die Verantwortung dafür. Steh gerade dafür,
wer du bist und für das was du tust und nicht tust. Damit hat es sich. Für
Scham gibt es da keinen, aber auch gar keinen Platz.“
(Aus einem Chat, mit Erlaubnis.)
Als ich jung war, also so vor um die paarundvierzig Jahre,
da bin ich durch ganz Europa getrampt. Meistens alleine, manchmal habe ich mich
für ein paar Wochen einer Gruppe junger Leute angeschlossen. Überall wurde ich freundlich
aufgenommen und mit Respekt behandelt. Ich glaub, ich war ein niedlich naives strahlendes
Wesen, völlig unbekümmert und zutraulich. Wenn mein Geld all war, habe ich mal in
einem Geschäft, auf einer Plantage oder in der Weinlese gearbeitet. Für
Überfahrten habe ich auf den Schiffen die Klos geputzt. Vielleicht war es
einfach nur Glück, aber ich habe mich immer beschützt gefühlt. Und nein, es
waren nicht nur die „armen“ Leute, die das Wenige mit mir teilten. Sozialromantik
lag mir schon damals nicht. Es waren halt einfach Leute, aus ganz
unterschiedlichen Herkünften, die grundsätzlich freundlich zu mir waren. Ich
habe eine Menge gelernt in diesen Zeiten. Das Wichtigste war: Ländergrenzen waren
total irrelevant, denn die Geschichten, die ich in Portugal, Griechenland,
Türkei, England, Italien hörte (ja, irgendwie schien ich schon damals die Leute
einzuladen, mir ihre Geschichten zu schenken) ähnelten sich: Es ging um
Freundschaft, Familie, Kinder, Arbeit, Glück, Ungerechtigkeiten, Liebe und den
Tod. Ich lernte: Wir sind ganz unterschiedlich und doch so gleich in unseren
Träumen, Sorgen, Wünschen, Ängsten und dem Glück. Und wir lieben alle Musik und
wir lachen und wir weinen bei den gleichen Stücken. Ja, ich denke, diese
Erfahrungen haben mich auch geprägt.
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